Schreibensunkundig – Familiengeschichten aus 300 Jahren (12)

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23 Verschollen

Aachen und Wallau, 1899–1915

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Am 17. Januar 1899 heiratete in Aachen eine junge Frau namens Therese Helene Kuyken einen Mann namens Hermann Josef Dautzenberg. Im Heiratseintrag musste, wie es das Gesetz verlangte, der Vater der Braut genannt werden. Der Standesbeamte trug ein: Arnold Kuyken, Handelsmann — verschollen.

Der Mann, den sie heiratete, war selbst ein Hereingekommener. Hermann Josef Dautzenberg stammte aus Ubach over Worms, gleich jenseits der Grenze, war Niederländer wie sie, Hüttenarbeiter, einer von den vielen, die aus dem Grenzland ins Aachener Revier zogen, wo die Arbeit war. Zwei Menschen aus den Niederlanden also, die sich in einer deutschen Stadt fanden und eine Familie gründeten, die den Namen Dautzenberg tragen und die Herkunft mit den Jahren vergessen würde. Von ihren acht Kindern starben vier, ehe sie erwachsen waren; es war noch immer dasselbe Jahrhundert, dieselbe Rechnung. Zu denen, die blieben, gehörte ein Mädchen, geboren 1905, das man Elisabeth nannte.

Es lohnt, einen Augenblick bei den Dautzenberg zu verweilen, denn sie waren das genaue Gegenteil der Kuyken. Während Arnold und seinesgleichen reisten, saßen die Dautzenberg. Ihr Name stand in Landgraaf, dem Grenzort jenseits von Aachen, seit dem siebzehnten Jahrhundert in den Registern — ein Simon Dautzenberg, geboren 1618, und hinter ihm noch weiter zurück, Generation um Generation am selben Fleck Erde. Sie saßen so fest und so lange, dass Hermann Josefs eigene Eltern beide den Namen trugen: Ein Hendrik Joseph Dautzenberg hatte 1849 eine Anna Margaretha Dautzenberg geheiratet, Namensvettern aus demselben Dorf, wie es kommt, wenn eine Familie zweihundert Jahre nicht fortzieht. Und ganz einheitlich war selbst dieser doppelte Name nicht: Anna Margarethas Mutter war eine geborene Neulen, aus Merkstein bei Herzogenrath, aus einer Sippe, die seit dem siebzehnten Jahrhundert im selben Grenzwinkel saß. Zu ihr gehörte auch ein Mann namens Martinus Neulen, der es zum Richter brachte und als Gerichteter endete — aber der verlangt eine eigene Geschichte, und sie kommt sogleich. Hermann Josef jedenfalls war der erste dieser Sesshaften, der ging, über die Grenze nach Aachen, dem Eisen und der Kohle nach. Aber Niederländer blieb er: Noch 1907, längst in Aachen ansässig, wies ihn ein Nationaliteitsbewijs als Staatsbürger des Königreichs der Niederlande aus, mitten im deutschen Kaiserreich. Man konnte den Ort wechseln und den Pass behalten. Es war die sesshafteste Wurzel dieser ganzen unruhigen Verwandtschaft — und ausgerechnet sie mündete in einen Mann, der auswanderte.

Der Vater der Braut aber, Elisabeths Großvater auf der anderen Seite, war von ganz anderem Schlag. Arnold Kuyken saß nirgends, und beim Datum der Hochzeit galt er als verschollen. Er war es nicht. Er lebte, und es ging ihm gut. Aber für seine Tochter war er verschwunden, und das war er seit langem.

Therese Helene hatte ihn kaum gekannt. Ihre Mutter war gestorben, als sie ungefähr vier war. Ihre Schwester Sophia starb, als sie acht war. Der Vater, der Haarhändler, war unterwegs gewesen, immer, und irgendwann war er nicht mehr zurückgekommen. Wo das Mädchen die Jahre zwischen dem Tod der Mutter und der eigenen Hochzeit verbrachte, bei wem, wovon — das steht in keinem Register, das bis heute jemand gefunden hat. Sie ist in diesen Jahren so verschwunden wie ihr Vater, nur dass niemand eine Büste von ihr machte.

Denn während die Tochter in Aachen den Vater für verschollen erklären ließ, war der Vater in Wallau ein angesehener Mann. Er hatte sich neu erfunden, wie es sonst niemand in dieser ganzen Verwandtschaft tat — nur nicht als Besitzer, sondern als Kopf. Er war der Ideengeber des Kaufmanns Louis Ritter, der Mann hinter dessen Ziegelei, der Aufseher, der wusste, wie man Dinge baute und in Gang hielt, ohne dass je sein Name über dem Tor stand. Der Name über dem Tor war Ritters. Die Ideen waren Arnolds. Es war, noch einmal und auf neue Weise, dasselbe alte Muster dieser Familie: ein Egener, der Gerichtsakten schrieb, unter denen ein anderer entschied; ein Weber, für den ein Fremder unterschrieb; und nun ein Haarhändler, dessen Einfälle einem anderen gehörten. Man beschrieb ihn als „großgewachsenen Mann mit bedeutender Nase”, grundehrlich, von unbeugsamer Energie. Die Leute schätzten ihn so sehr, dass ein Bildhauer sein Bildnis formte. Auf dem Sockel stand, wer er gewesen war: „Arnold Kuygen, Haarkäufer aus Scherpensel in Holland, der Letzte seines Berufes.”

Er starb am 27. Dezember 1915 in Wallau, sechsundsiebzig Jahre alt, in seiner Wohnung. Die Sterbeurkunde zeigte der Mann an, für den er gearbeitet hatte, der Kaufmann Louis Ritter, und dieser gab zu Protokoll, dass er die Eltern des Verstorbenen nicht kenne. So starb Arnold Kuyken: geachtet von einem, der wusste, was er konnte, und unbekannt denen, die von ihm abstammten. Als Beruf trug man in die Urkunde ein, was er zuletzt gewesen war: Aufseher.

Elisabeth, das Mädchen von 1905, war eine der Enkelinnen, die Arnold Kuyken nie zu Gesicht bekam. 1925 würde sie einen Straßenbahnführersohn heiraten, einen gewissen Leonhard Egener, und damit die niederländische Wurzel der Dautzenberg mit der bayerisch-eifelschen Wurzel der Egener verbinden — zwei Familien, die beide von anderswo gekommen waren, beide ihren Namen mehrfach hatten wechseln sehen, beide angekommen in derselben Stadt am Rande des Reviers.

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24 Der Schöffe

Herrlichkeit Rimburg, Grenzland zwischen Maas und Rhein, 1712–1772

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In derselben Verwandtschaft, die so viele sesshafte Bauern hervorbrachte, gab es auch einen Richter, der als Räuber starb. Oder als angeblicher Räuber — das ist der Kern der Sache, und er lässt sich nicht mehr auflösen.

Martinus Neulen wurde 1712 in Hofstatt bei Herzogenrath geboren und wuchs im Weiler Finckenrath auf, in der kleinen Herrlichkeit Rimburg, einem jener Grenzländchen zwischen Maas und Rhein, in denen die Zuständigkeiten so verwickelt waren wie die Feldwege. Er brachte es zu etwas. Man ernannte ihn zum Schöffen — er saß mit dem Schultheißen zu Gericht und urteilte, wie es in den Akten heißt, über Leib und Leben der Bürger. Ein Todesurteil, das er mitsprach, musste zwar der Hochdrossard bestätigen; aber der erste, der es aussprach, war ein Mann wie Neulen, ein Bauernsohn aus Finckenrath, der es zum Richter gebracht hatte.

Dann, im Frühjahr 1772, saß er selbst auf der anderen Seite.

Man verhaftete ihn auf Burg Rimburg und beschuldigte ihn, ein Bockreiter zu sein — Mitglied jener berüchtigten Banden, die das Grenzland ein halbes Jahrhundert lang in Schrecken hielten und von denen der Volksmund erzählte, sie ritten des Nachts auf Böcken durch die Luft. Was daran Diebesbande war und was Aberglaube, wusste schon damals niemand genau. Neulen, hieß es, sei „Feldwebel” in der Kompanie der Gauner gewesen, ein mittelgroßer Mann mit Perücke, der überall in die Häuser ging.

Am dreizehnten April 1772 unterzog man ihn der schärferen Prüfung. So nannte man die Folter, wenn man höflich sein wollte. Unter ihr gestand er, was man hören wollte: die Mitgliedschaft, die Diebstähle, das alles.

In der Nacht darauf drehte er sich aus Stroh und Heu ein Seil, so gut es in einer Zelle ging, und erhängte sich damit, ehe man ihn zur Strafe holen kam. Er wusste, was ihn erwartete; er hatte selbst zu Gericht gesessen und kannte die Urteile. Der eigene Tod war das Letzte, worüber er noch verfügen konnte, und er verfügte darüber.

Es half ihm nicht. Am sechzehnten April schleifte man seine Leiche durch Rimburg und hängte sie an einem Bein am Galgen auf, zur Abschreckung. Ein Chronist der Zeit, ein Mann namens Sleinada, hielt es in einem einzigen kühlen Satz fest: Er habe sich im Gefängnis mit Heu erwürgt, und deshalb sei er herausgeschleppt und an einem Bein aufgehängt worden.

So steht es in den Akten: Neulen, Bockreiter, geständig. Aber ein Geständnis unter Folter sagt nichts über die Schuld und alles über die Folter. Menschen gestehen unter solchem Druck, was man verlangt, um die Qualen zu beenden, gleichgültig, ob es wahr ist. Von den Bockreiter-Prozessen weiß man heute, dass viele Beschuldigte nur genannt wurden, weil ein anderer sie zuvor unter der Folter genannt hatte, und dieser wieder von einem dritten — ein Namensregister der Verzweiflung, an dessen Ende bis 1780 dreihundertsechsundzwanzig Hingerichtete standen. Der angebliche Anführer, ein Joseph Kirchhoffs, beteuerte bis zuletzt seine Unschuld und wurde dennoch gehängt.

Ob Martinus Neulen schuldig war, weiß niemand, und niemand wird es je wissen. Die Akten behaupten es; die Umstände widerlegen die Akten. Es ist derselbe Zweifel, der über allem liegt, was Schreiber je über diese Familie festgehalten haben — nur ging es hier, dieses eine Mal, nicht um einen falsch gehörten Namen oder ein geschätztes Alter, sondern um Leib und Leben. Und ausgerechnet der Vorfahre, der als Richter über die Wahrheit anderer zu befinden hatte, hinterließ die am wenigsten gesicherte Wahrheit von allen.

Es war das Jahr 1772. Um dieselbe Zeit, südlich von Aachen, in der Grafschaft Reifferscheid, stellte ein anderer Vorfahre Gerichtsbefehle zu und trieb Brüchten ein — der Landbote Johann Georg Egener, der auf der Seite der Obrigkeit stand, dort, wo Neulen einst gestanden hatte und nun nicht mehr stand. Die beiden haben nie voneinander gewusst. Erst der Nachfahre, der ihre Akten nebeneinanderlegte, sah, dass sie im selben Räderwerk lebten — der eine als Rad, der andere, am Ende, als das, was zwischen die Räder gerät.



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