Schreibensunkundig – Familiengeschichten aus 300 Jahren (11)

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Achter Teil: Dautzenberg — Die Wurzel aus den Niederlanden (1712–1952)

Woher Ernsts Großmutter Elisabeth kam. Die niederländische Linie und ihre Stränge: der Haarteute Kuyken aus Bergeijk, der Bergmann Dautzenberg aus Ubach over Worms, die alteingesessenen Neulen aus Rimburg. Ein Haarhändler mit sechs Namen, ein Mädchen mit verschwundenem Vater — und ein Schöffe, der als Bockreiter endete.

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21 Der Haarhändler

Bergeijk, Noord-Brabant, und der Grund Breidenbach, 19. Jahrhundert

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Es gab eine Linie, die von weiter westlich kam als alle anderen, aus den Niederlanden — die Linie, aus der Ernsts Großmutter Elisabeth stammte. Sie trug den Namen ihres Vaters, Dautzenberg, eines Hüttenarbeiters aus Ubach over Worms gleich jenseits der Grenze. Aber ihre farbigste Wurzel lag auf der Seite der Mutter, in einem flachen Land noch weiter im Westen, in Bergeijk in der Provinz Noord-Brabant, wo im November 1839 ein Junge geboren wurde, den man Arnoldus Kuijken nannte.

Auch dieser Name hielt nicht still. Auf den niederländischen Urkunden hieß er Kuijken, auf den deutschen Kuyken, in den alten Kirchenbüchern Cuijken, auf seiner Büste Kuygen, und ein Beamter in Waubach, der ihn nach Gehör aufschrieb, machte Keuchen daraus. Sechs Schreibweisen für einen Mann. Es war, als hätte diese Familie beschlossen, dass ein einziger Name für einen Menschen, der so viel unterwegs war, ohnehin nicht ausreichte.

Denn Arnold war unterwegs, das war sein Beruf. Er war ein Teut, ein Haarhändler, einer aus jener eigentümlichen Zunft der Kempen, die mit ihrer Ware durch halb Europa zog. Arnolds Ware war Menschenhaar. Er kaufte den Frauen auf dem Land ihr Haar ab, für die Perückenmacher der Städte, und bezahlte nicht immer mit Geld, sondern mit Tüchern — Rosentüchern, Kranztüchern, Wolltüchern, die zur ländlichen Tracht gehörten und die er in einem samtenen Rucksack bei sich trug. Vor allem im Grund Breidenbach, im Hessischen, war er unterwegs. Die Leute dort kannten ihn. Er war der Mann, der kam, das Haar wog, das Tuch gab und weiterzog.

Die Ortschronik von Wallau nannte ihn später „den Letzten seines Berufes” — denn die Zeit der Haarteuten ging zu Ende, wie die Zeit der Handweber zu Ende gegangen war, in denselben Jahrzehnten, aus denselben Gründen. Die Fabriken machten das Reisen überflüssig. Ein Handwerk nach dem anderen verschwand, und mit ihm die Menschen, die es getragen hatten, hinein in ein Leben, das man nicht gelernt hatte.

Arnold Kuyken verschwand gründlicher als die meisten.

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22 Fünfzehn Hühner und ein Hahn

Merkelbeek, Grenzland zwischen Maas und Rhein, 7. Mai 1884

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Maria Peters starb am 7. Mai 1884 in Merkelbeek. Sie war vierunddreißig Jahre alt, verheiratet mit einem Mann namens Frans Joseph Melchers, Mutter zweier kleiner Töchter: Anna und Lucia.

Was die Behörden über ihr Leben festhielten, war das Folgende.

Ein Pferd. Zwei Kühe. Zwei Rinder. Ein Kalb. Fünfzehn Hühner. Einen Hahn. Einen Pflug. Hausrat. Vorräte. Ein Hofgebäude mit Garten und Obstgarten. Das alles war 2.895 Gulden wert.

Außerdem waren da die Schulden: 4.119 Gulden und 90 Cent. Ein Darlehen bei Christiaan Dohmen, eines bei Maria Mechtildis Bax, eines bei den Geschwistern Kiefels. Und weitere. Der Arzt, Dr. Eijckermans aus Puth-Schinnen, hatte sie in ihren letzten Monaten behandelt; er berechnete vierzehn Gulden und vierzig Cent. Der Dorfladen hatte ihr bis zum Sterbetag auf Kredit geliefert: 172 Gulden.

Das Ergebnis der Rechnung war, dass die Schulden größer waren als das, was da war.

Am 11. Mai 1885 — ein Jahr und vier Tage nach dem Tod seiner Frau — stand Frans Joseph Melchers vor dem Kantonsrichter in Sittard und schwor, den Nachlass vollständig angegeben zu haben. Das Gesetz verlangte es. Er schwor.

Die Töchter Anna und Lucia waren minderjährig. Die Memorie van Successie nahm sie zur Kenntnis, soweit sie steuerpflichtige Erbinnen waren. Was danach mit ihnen geschah, interessierte das Dokument nicht. Es hielt fest, was ein Mensch hinterließ: die Tiere, die Schulden, den Schwur des Witwers. Was ein Mensch zurückließ, stand in keiner Rubrik.

Frans Joseph Melchers war der Bruder von Ernsts zweifachem Urgroßvater. Maria Peters, die Frau, die er beerdigte und deren Nachlass er beschwor, war damit Ernsts zweifache Urgroßtante angeheiratet — eine Frau, die er nie gekannt hat und die die Register nur als Schuldnerin kennen: vierunddreißig Jahre alt, 4.119 Gulden und 90 Cent Schulden, fünfzehn Hühner und ein Hahn.



Ein Kommentar zu „Schreibensunkundig – Familiengeschichten aus 300 Jahren (11)“

  1. Sehr interessant Ernst, und vielen Dank nochmal für deine Jahrzehnte lange Forschung. Vielen lieben Dank. LG Ralf

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