19 Zu eng
Aachen, 1924
Leonhard Egener hatte alles richtig gemacht, und es genügte ihm nicht.
Er hatte einen ordentlichen Beruf erlernt, Schuster, ein Handwerk mit Werkbank und festem Platz, so wie sein Vater es sich gewünscht hatte. Peter Egener wollte nicht, dass seine Söhne zur Straßenbahn gingen; er kannte die Dienstzeiten, die Sonntage, die Nächte, und er hatte sie seine eigene Familie kosten sehen. Also lernte Leo etwas anderes. Danach arbeitete er in der Schermesserfabrik Heusch, was ebenfalls ein anständiger Platz war, mit Wänden und einem Dach und geregelten Stunden.
Es war ihm zu eng.
Das war mir alles zu eng, ich musste heraus. Ich wollte Straßenbahn fahren, sagte er später, und in diesem Satz steckt die ganze Familie. Denn genau das hatten sie immer getan, wenn es ihnen zu eng geworden war: sie waren hinausgegangen. Der eine aus Bayern, der andere aus dem Tuch. Nur dass Leo, anders als seine Vorfahren, nicht in die Fremde wollte, sondern nach Hause — an die Kurbel, an der schon sein Vater stand und sein Bruder Josef, der 1919 in die Werkstatt eingetreten und dann unversehens Fahrer geworden war.
Das Enge, aus dem Leo herauswollte, war die Sicherheit. Das Weite, in das er wollte, war der Beruf, von dem sein Vater ihn hatte fernhalten wollen.
1924 meldete er sich für den Fahrdienst. Der dritte Egener wurde angenommen. Und Peter, der es nicht gewollt hatte, war am Ende stolz auf seine Söhne, denn Stolz und Sorge sind bei Vätern oft dasselbe Gefühl, nur zu verschiedenen Zeiten betrachtet.
20 Das Winken
Aachen, 1924–1980
Es kam vor, dass zwei Straßenbahnen einander auf der Strecke begegneten und in beiden ein Egener am Steuer stand. Dann hob Leo die Hand und winkte, seinem Vater, wenn es der Wagen seines Vaters war, oder, in späteren Jahren, seinem eigenen Sohn Peter, der ebenfalls fuhr. Es war ein kurzes Zeichen, im Vorüberfahren, und es bedeutete: Ich sehe dich, wir tun dasselbe, es ist gut.
Über drei Generationen ging das so. Der Großvater, der Sohn, der Enkel, fünf Männer mit dem Namen Egener im selben Betrieb, zusammen an die hundertfünfundzwanzig Dienstjahre. Es war, ohne dass jemand es geplant hätte, die Sesshaftwerdung einer Familie, die zweihundert Jahre lang gewandert war — nicht an einem Ort, sondern in einem Beruf. Die Egener hatten aufgehört, das Land zu wechseln. Stattdessen fuhren sie nun im Kreis, durch Aachen, jeden Tag dieselbe Strecke, und winkten einander zu.
Leo heiratete 1925 Elisabeth Dautzenberg, deren Mutter aus einer Familie stammte, die einst aus dem Brabantischen gekommen war — eine andere Wanderung, eine andere Linie, die hier in die seine mündete. Sie bekamen sieben Kinder. Diesmal, in diesem Jahrhundert, mit diesen Ärzten und diesem Wasser, überlebten die meisten. Eines der Kinder war Rudolf, geboren 1932, der die Linie weitertragen würde.
Leo stand fast achtundzwanzig Jahre an der Kurbel, danach ein Jahrzehnt im Innendienst, zuletzt war er Pförtner, ein Mann am Tor, der die Kommenden und Gehenden zählte. Als Elisabeth 1967 starb, heiratete er ein Jahr später ihre Schwester Josephina — so wie zweihundert Jahre zuvor sein Urahn Johann Georg, der Landbote, nach dem Tod seiner ersten Frau eine zweite genommen hatte. Manche Muster in einer Familie wiederholen sich, ohne dass die Beteiligten voneinander wissen. Sie stehen nur im Register, für den, der später nachliest.
Leonhard Egener starb 1980, achtundsiebzig Jahre alt. Er hatte in seinem Leben Schuhe gemacht, Schermesser gefertigt, eine Straßenbahn gefahren und ein Tor bewacht, und von alldem war ihm das Fahren das liebste gewesen, weil es das Einzige war, für das er sich gegen den Willen seines Vaters entschieden hatte.

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