Geboren im Gefängnis – Eine Taufe in Reifferscheid, Mai 1755

Taufeintrag vom 28. Mai 1755 im Taufbuch Reifferscheid: Johann Schott und Gertrud Finck, Tochter Maria Angela Apollonia, im Gefängnis geboren, mit ausführlichem Bericht des Pfarrers

Wie ein Pfarrer in der Eifel zwischen zwei gewöhnlichen Taufen eine Kriminalgeschichte festhielt.


Reifferscheid, 27. Mai 1755, gegen zwei Uhr nachmittags. Im Gefängnis der kleinen Eifelherrschaft bringt eine Frau eine Tochter zur Welt. Ihr Mann ist nicht bei ihr. Er ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, und die beiden älteren Söhne sind ihm gefolgt, einer davon an einem Seil aus dem Fenster.

Dass wir das heute wissen, verdanken wir dem Pfarrer, der das Kind am nächsten Tag taufte. Er hat mehr ins Taufbuch geschrieben als nötig, und das nicht zum ersten Mal: Hier auf dem Blog habe ich schon von einer Trauung im Wettlauf mit dem Tod, einer verschwundenen Ehefrau und zwei Kindern erzählt, deren Vater niemand nennen wollte („Tandem patebit veritas“). Die Kirchenbücher von Reifferscheid sind offenbar eine Fundgrube. Dies ist die bisher abenteuerlichste Geschichte daraus.

Eine Geburt hinter Gittern

Der Eintrag steht auf Seite 257 des Taufbuchs, nach zwei ganz gewöhnlichen Taufen. Am 28. Mai 1755 tauft der Pfarrer Maria Angela Apollonia, geboren in carcere, im Gefängnis.

Taufeintrag vom 28. Mai 1755 im Taufbuch Reifferscheid: Johann Schott und Gertrud Finck, Tochter Maria Angela Apollonia, im Gefängnis geboren, mit ausführlichem Bericht des Pfarrers
Der Eintrag vom 28. Mai 1755. Links am Rand das Datum „Maji 28va“, darunter der Bericht des Pfarrers bis „in custodia“. (Taufbuch Reifferscheid, BA 2128, S. 257, Landesarchiv NRW, Personenstandsarchiv Rheinland)

Schon bei den Eltern wird der Pfarrer vorsichtig. Er schreibt: Johann Schott und Gertrud Finck, „so haben sie sich hier genannt und so wollten sie genannt werden“. Und weiter: Sie wollen als Eheleute gelten und haben dazu eine Heiratsbescheinigung vorgelegt, ausgestellt 1738 vom Pfarrer in Niederberg. „Ob sie aber gefälscht ist oder einem anderen ausgestellt und ihnen überlassen wurde, wird noch untersucht.“

Als zweite Zeugin steht eine Schwester des Kindes im Eintrag, Maria Angela. Auch sie ist, wie der Pfarrer vermerkt, eine Tochter der Gefangenen.

„Zur Information, falls es einmal nötig sein sollte“

Dann setzt der Pfarrer einen ungewöhnlichen Satz: Pro informatione, si forte aliquando foret necessaria. Er rechnet offenbar damit, dass irgendwann jemand nach der Herkunft dieses Kindes fragen wird. Deshalb schreibt er auf, was er weiß:

Die Familie hatte mit Erlaubnis der Obrigkeit den Winter im Dorf Rescheid verbracht. Der Mann gab an, aus Lothringen zu stammen, dorthin auch zurückkehren zu wollen, und von Beruf Arzt zu sein.

Doch dann kamen die Bonner Husaren, eine Reitertruppe des Kurfürsten von Köln. Sie nahmen die Familie fest und brachten sie als trifures nach Reifferscheid ins Gefängnis. Das Wort heißt wörtlich „Dreifach-Diebe“, wir würden sagen: Erzdiebe.

Und es kam noch schlimmer für den angeblichen Arzt. Soldaten aus Kurtrier, die ihn in Reifferscheid zu Gesicht bekamen, erkannten ihn und stellten ihm „das allerschlechteste Zeugnis“ aus, allerdings unter einem ganz anderen Namen: Peter Kremer.

Drei Ausbrüche

Was dann folgt, liest sich wie ein Abenteuerroman. Noch während das Strafverfahren lief, brach der Mann aus dem Gefängnis aus. Etwas später gelang dem älteren Sohn dasselbe. Und auch der zweite Sohn entkam kurz darauf: Er ließ sich an einem Seil aus dem Fenster herab.

Der Pfarrer kommentiert trocken: omnes professionis suae scientissimi, „alle in ihrem Handwerk bestens erfahren“. Mit dem Handwerk meint er sicher nicht die Medizin.

Zurück blieb die Frau. Hochschwanger und mit drei weiteren kleinen Kindern saß sie weiter in Haft. Dort brachte sie am 27. Mai ihre Tochter zur Welt.

Was danach aus Gertrud Finck und ihren Kindern wurde, verrät das Kirchenbuch nicht. Wurden sie freigelassen? Ausgewiesen? Fanden sie den Vater wieder? Ich weiß es nicht. Vielleicht findet sich die Antwort eines Tages in den Gerichtsakten der Herrschaft Reifferscheid.

Fahrendes Volk im 18. Jahrhundert

So spektakulär die Geschichte klingt, ganz ungewöhnlich war sie nicht. Im 18. Jahrhundert zogen viele Menschen ohne festen Wohnsitz durch das Rheinland und die Eifel: Hausierer, Bettler, entlassene Soldaten, Gaukler und eben auch Gaunerbanden. Die Obrigkeiten nannten sie Vaganten. Wer unterwegs war, brauchte Papiere: Pässe, Taufscheine, Heiratsbescheinigungen. Solche Papiere wurden gefälscht, verliehen oder verkauft.

Dazu kam, dass die Eifel ein Flickenteppich kleiner Herrschaften war. Reifferscheid war eine eigene kleine Herrschaft der Grafen von Salm-Reifferscheid. Ringsum lagen die Gebiete anderer Landesherren, darunter Kurköln, Kurtrier und das Herzogtum Jülich. Wer in einem Gebiet gesucht wurde, war oft schon wenige Stunden weiter außer Reichweite. So erklärt sich auch, dass ausgerechnet Bonner Husaren und Trierer Soldaten in dieser Geschichte auftauchen.

Und die Egener?

Gefunden habe ich den Eintrag, weil ich in diesen Jahrgängen nach der Taufe meines Vorfahren Georg Peter Egener suche. Mit der Familie Schott, oder Kremer, hat er nichts zu tun. Aber die Geschichte zeigt, wie viel Bewegung es damals in diesem scheinbar abgelegenen Winkel der Eifel gab. Genau in diesen Jahren, irgendwann zwischen 1755 und 1759, kam wohl auch mein Vorfahr Johann Georg Egner nach Reifferscheid. Er war ein Reitersoldat aus der Oberpfalz, rund 400 Kilometer von seiner Heimat entfernt. Auch er war einmal ein Fremder, der hier ankam, nur dass er blieb.

Und eine kleine Spur gibt es doch: Im Eintrag direkt über der Gefängnistaufe ist eine Gertrud Erlers Patin. Eine Frau dieses Namens steht 1759 auch als Patin bei der Taufe von Johann Georgs Tochter Catharina Gertrudis. Die Welt in Reifferscheid war klein.


Quelle: Taufregister der Pfarrei Reifferscheid, Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Bestand PA 1101 (Kirchenbücher), BA 2128, S. 257, Eintrag vom 28.05.1755. Transkription und Übersetzung: Ernst Egener. Unsichere Lesungen (Herkunftsorte der Paten) sind im Text nicht verwendet.



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