Neunter Teil: Die Winter — Von der Hebamme zum Grubentod (1816–1943)
Woher Ernsts Großmutter Rosa kam. Eine Hebamme, die Leben zur Welt half; ein Soldat, der um sein Recht stritt; eine Grube, die Söhne nahm.
25 Die Hebamme
Erbach und Bexbach, bayerische Pfalz, 1816–1887
Am Anfang der Winter-Linie, so weit sie sich zurückverfolgen lässt, steht eine Frau, die ihren Lebensunterhalt damit verdiente, andere zur Welt zu bringen.
Maria Salomea Ecker wurde 1816 in Erbach geboren, in der bayerischen Pfalz, Tochter eines Ackerers. Auch ihr Name hielt nicht still — er tat es in dieser Familie nie. Mal schrieb man Salomea, mal Salome, mal Anna Maria Salome; der Mädchenname Ecker wurde, je nach Feder, auch zu Eckers. Ein Mensch, mehrere Schreibweisen: Man kannte das inzwischen, über alle Linien hinweg.
Sie war Hebamme, und nicht irgendeine, sondern eine gesetzliche — im Königreich Bayern ein staatlich geprüfter, lizenzierter Beruf, einer der wenigen, die einer Frau in dieser Zeit eine eigene Urkunde und ein eigenes Einkommen verschafften. Kam in Oberbexbach oder Höchen ein Kind, kam Salomea. In einer Gegend, in der die Männer Räder bauten und bald in die Kohle fahren würden, stand sie am anderen Ende der Dinge: nicht beim Tod unter Tage, sondern beim ersten Schrei in der Stube.
Sie kannte beide Enden auch am eigenen Leib. Zwei Kinder brachte sie zur Welt, ehe sie verheiratet war. Das erste, eine Tochter, kam 1838 an Heiligabend und bekam keinen Vater ins Kirchenbuch, nur den Namen der Mutter: Ecker. Das zweite, ein Sohn namens Christian, kam im Februar 1843; sechs Wochen später heiratete Salomea den Wagner Heinrich Winter, und das Kind wurde, wie das Gesetz es zuließ, mit der Trauung nachträglich ehelich.
Es war dasselbe Muster, das durch alle Wurzeln dieser Familie lief, über Länder und Jahrhunderte hinweg: das voreheliche Kind, der nachgetragene Vater, der Name der Mutter, der einsprang, wo der des Vaters fehlte. Was bei den einen Corban und Thimmes hieß und bei den anderen Born, hieß hier Ecker. Die Frauen trugen die Namen, die Kinder erbten sie zunächst, und die Standesbeamten schrieben auf, was gerade galt.
Salomea Ecker wurde einundsiebzig Jahre alt. Einer ihrer Söhne, Friedrich, geboren 1853, wurde nicht Wagner wie der Vater, sondern Bergmann — der erste der Winter, der in die Grube fuhr. Die Frau, die ihr Leben lang Leben in die Welt geholt hatte, wurde zur Stammmutter einer Linie, die ihres in der Grube wieder verlieren sollte.
26 Von der Saar
Bexbach im Saarland, und der Weg ins Aachener Revier, 1881–1917
Salomeas Sohn Friedrich, der erste Bergmann der Winter, nannte seinen eigenen Sohn wieder Friedrich — auch hier wanderte ein Name von einem zum nächsten. Dieser zweite Friedrich Winter kam 1881 in Mittelbexbach zur Welt, dort, wo die Kohle unter der Erde lag wie überall, wo man sie brauchte, und wo die Männer hinabstiegen, um sie zu holen. Er wurde, was sein Vater war.
Mit sechzehn fuhr Friedrich zum ersten Mal ein, auf der Zeche König. 1905 heiratete er Margaretha Weber. 1912 nahm er, was Tausende in jenen Jahren nahmen: den Weg nach Norden, ins Aachener Revier, wo die Grube Anna Arbeit versprach. Er brachte Frau und Kinder mit nach Kellersberg, eine junge Bergarbeitersiedlung bei Alsdorf, und trug sich am 27. September 1912 ins Knappschaftsbuch der Wurmknappschaft ein. Eines der Kinder war ein Mädchen namens Rosa, damals sechs Jahre alt.
Dann kam der Krieg, und der Krieg nahm auch die Bergleute. Friedrich zog mit, nach Frankreich, an die griechische Grenze, nach Serbien. Er bekam das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und, an der Morava im serbischen Winter, die Malaria, die ihn nie mehr ganz verließ. 1917 holte man ihn zurück — nicht aus Gnade, sondern aus Rechnung: Kohle war kriegswichtig, und ein erfahrener Bergmann nützte dem Reich unter Tage mehr als im Schützengraben. Er fuhr wieder ein, auf Anna II, mit dem Fieber im Blut.
27 Sein Recht und seine Toten
Aachen und Alsdorf, 1925–1943
Nach dem Krieg tat Friedrich Winter etwas, das in diesen Familien selten war: Er zog vor Gericht, um sein Recht zu bekommen, und er bekam es. Die Malaria und ein Ischiasleiden hatte man ihm als Kriegsbeschädigung anerkannt und dann, wie Behörden es tun, zu niedrig bemessen — zwanzig Prozent, wo er mehr verlangte. Friedrich legte Berufung ein. Am 26. Februar 1925 sprach ihm das Versorgungsgericht Aachen vierzig Prozent zu. Der Gerichtsarzt notierte, seine Herztätigkeit sei matt.
Es war, zweihundert Jahre und viele hundert Kilometer entfernt, dieselbe Szene wie einst in Reifferscheid, nur umgekehrt: Damals hatte ein Egener als Landbote die Obrigkeit vertreten und Menschen zur Zahlung gezwungen; jetzt stand ein Winter als kleiner Mann vor der Obrigkeit und zwang ihr ab, was ihm zustand. Dieselbe Maschinerie aus Akten, Protokollen und Bescheiden, in der der Einzelne so viel wog, wie er sich zu wehren wusste. Friedrich wusste sich zu wehren.
Gegen das Andere wusste er sich nicht zu wehren. Am 21. Oktober 1930 fuhr sein Sohn Karl zur Schicht auf Anna II, einundzwanzig Jahre alt, und sein Schwiegersohn Johann Brosius ebenfalls. Beide kamen nicht zurück. Die Grube, die Friedrich aus dem Saarland hierher gefolgt war, weil sie Arbeit und Brot bedeutete, nahm ihm an einem einzigen Vormittag den Sohn und den Schwiegersohn. Er selbst, der Invalide mit dem matten Herzen und dem Fieber aus Serbien, überlebte sie.
Er starb erst 1943, mit einundsechzig, an dem, was er sich in Griechenland geholt hatte. Seine Frau Margaretha überlebte ihn und alle anderen Männer der Familie; sie wurde zweiundneunzig Jahre alt, die älteste in dieser ganzen langen Reihe von Vorfahren. Sie hatte den Wagnersohn geheiratet, der Bergmann wurde, hatte ihn in den Krieg ziehen und versehrt zurückkommen sehen, hatte einen Sohn an die Grube verloren und einen Schwiegersohn dazu — und blieb, und blieb, als hätte das Leben vergessen, auch sie zu holen.
Ihre Tochter Rosa, sechs Jahre alt bei der Ankunft im Revier, Witwe mit vierundzwanzig, würde eine Tochter großziehen, die nie einen Vater hatte. Das Kind hieß Johanna.
den Schluss der Familiengeschichten gibt es im Buch: „Schreibensunkundig“


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