Schreibensunkundig – Familiengeschichte aus dreihundert Jahren (1)

Vorwort

Alle Menschen in diesem Buch haben gelebt.

Nachdem ich viele Daten in mehr als 40 Jahren gesammelt habe, möchte ich einige Personen hervorheben, von denen ich mehr als nur die Geburtsdaten, Heiratsdaten und Sterbedaten gefunden habe.

Es ist keine Familien-Chronik – es ist eine Famlien-Geschichte!

Die meisten haben keine eigenen Worte hinterlassen — keinen Brief, kein Tagebuch, keine Aussage, die nicht vor einem Richter gemacht worden wäre. Was von ihnen geblieben ist, sind Einträge: in Kirchenbüchern, Zivilstandsregistern, Gerichtsakten, Erbschaftssteuererklärungen, Zeitungsberichten. Ein Taufeintrag von 1720, in dem der Pfarrer den Namen so schrieb, wie er ihn hörte. Eine Geburtsanzeige, bei der der Zeuge nicht unterschreiben konnte, weil er es nicht gelernt hatte. Eine Aufstellung, die einen Nachlass beziffert: ein Pferd, zwei Kühe, fünfzehn Hühner, mehr Schulden als Vermögen.

Die Fakten dieses Buches — Daten, Orte, Namen, Berufe, gelegentlich ein wörtliches Zitat — sind, soweit belegbar, wahr. Die Szenen sind erfunden; die Dialoge ebenso. Was die Menschen dachten und fühlten, wenn sie vor dem Pfarrer standen oder auf einen Lastwagen kletterten oder in ihrer Wohnung in Wallau starben, weiß niemand. Ich habe es so rekonstruiert, wie es aus dem, was in den Akten steht, vertretbar erschien.

Die Familie, um die es geht, heißt Egener — mit Varianten. Ein Reitersoldat aus Bayern kommt in die Eifel; der Pfarrer, der seinen Sohn tauft, schreibt den Namen so auf, wie er ihn hört. Ein Jahrzehnt später hört ein anderer Pfarrer ihn anders. Dann kommt die Franzosenzeit, und ein Standesbeamter hört ihn auf Französisch. Namen sind keine festen Dinge; sie sind Aufzeichnungen von etwas Gehörtem, immer gefiltert durch ein fremdes Ohr.

Das ist, wenn dieses Buch ein Thema hat, sein Thema: dass über diese Menschen, Generation um Generation, stets die entschieden, die die Feder führten.

Vier Familienstränge, zehn Generationen, dreihundert Jahre. Die Egener aus der Oberpfalz bis nach Aachen. Die Dautzenberg und Kuyken aus dem niederländischen Grenzland. Die Winter von der Saar. Die Brosius aus Alsdorf. Sie alle enden, irgendwann, in derselben Industriestadt am Rand des Reviers — und von dort, eine Generation weiter, in der Gegenwart.

Der Leser der Register bin ich.

 


Erster Teil: Benedict und Johann Georg (1720–1790)


1 — Die Taufe

Beratzhausen, Oberpfalz, 5. Mai 1720


Der Pate hieß Georg Schmidt und war Bauer in Flingsberg. Er hielt das Kind über das Taufbecken. Die Familie Schmidt und die Familie Egner kannten sich gut — derselbe Georg Schmidt hatte zehn Jahre zuvor, in Reiselberg, schon einmal ein Kind der Egners über das Wasser gehalten, einen älteren Bruder dieses Kindes, dem man damals denselben Namen gegeben hatte.

Jener erste Johann Georg hatte den Namen nicht lange getragen.

Das Kind, das Georg Schmidt jetzt hielt, hieß wieder Johann Georg. Es war das sechste Kind, das Benedict bekommen hatte. Zwei hatte er bereits begraben. Das namenlose von 1719 war noch nicht entwöhnt gewesen. Der erste Johann Georg hatte länger gelebt — wie lange genau, hatte der Pfarrer nicht aufgeschrieben, oder Benedict hatte es vergessen, oder beides.

Benedict stand daneben. Was er in diesem Moment dachte, ist nicht überliefert. Er sah wie immer ruhig aus. Das war sein Beruf, und außerdem half es nichts, anders auszusehen.

Der Pfarrer sprach die Formel. Johann Georg, sagte er. Johann Georg Egner.

Benedict hatte diesen Namen schon einmal gehört, in diesem Raum, aus demselben Mund. Es klang genauso.


2 — Benedict

Beratzhausen, Oberpfalz, ca. 1728


Im Kirchenbuch der Pfarrei Beratzhausen stand er als Benedict Egner eingetragen, chirurgus, Ehemann der Anna Barbara Funck, Vater von sechs Kindern, von denen vier noch lebten. Der Pfarrer hatte den Namen mit einem langen g geschrieben, das aussah wie ein f, aber das war seine Gewohnheit und kein Fehler.

Der Name war Egner. Er hatte immer Egner geheißen, sein Vater Martin hatte Egner geheißen, und Martins Vater, sofern Benedict ihn je gehört hatte, ebenfalls. In Beratzhausen wusste jeder, wie der Name ausgesprochen wurde.

Benedict hatte in seinem Leben drei Berufe gehabt, die sich, je nach Bedarf, gegenseitig ablösten oder überlagerten. Er war Chirurg gewesen, Bader und Söldner, manchmal in dieser Reihenfolge, manchmal gleichzeitig. Er hatte Wunden verbunden in Stuben, auf Feldern, einmal in einem Stall. Er hatte Blut gestillt und Blut vergossen. Er fand, dass beides handwerkliche Fähigkeiten waren, die man lernen konnte, und dass man sie besser nicht verwechselte.

In jungen Jahren hatte er Söldnerdienst genommen, wie viele Männer seines Standes, wenn die Chirurgie nicht genug abwarf oder die Chirurgie anderswo dringender gebraucht wurde. Er war mit Anna Barbara und dem ersten Kind durch die Oberpfalz gereist, hatte einen Sohn in Reiselberg getauft — auch dieser hieß Johann Georg, auch dieser Egner, balneator stand damals im Kirchenbuch, Bader, was dasselbe war wie Chirurg, nur bescheidener — und war schließlich nach Beratzhausen zurückgekehrt. Das Reisen, hatte er festgestellt, war angenehm, bis man aufhörte. Dann war das Bleiben angenehmer.

Er war geblieben.

Jetzt war er sesshaft und chirurgus alhier, und er arbeitete in einer Kammer im hinteren Teil des Hauses, die nach Leder und Lavendel roch und in der er Instrumente aufbewahrte, von denen er sagte, sie seien scharf. Sein jüngster Sohn Johann Georg stand oft in der Tür und sah zu.

Der Junge war still auf eine Weise, die Benedict gefiel. Er fragte viel — was das sei, warum man es so mache, ob es wehtue — und wartete jedes Mal auf die Antwort, bevor er weiterfragte. Benedict antwortete meistens. Er fand, dass ein Kind, das fragt, besser ist als eines, das nicht fragt, und dass die Fragen aufhören, sobald man sie oft genug beantwortet hat.

Der Junge schrieb alles auf, was er lernte, in einer kleinen, gleichmäßigen Handschrift, die Benedict ihm nicht beigebracht hatte — oder jedenfalls nicht erinnerte, wann er es getan hatte.

Ob das Handwerk auf den Sohn übergehen würde, dachte Benedict nicht. Er dachte nicht viel über die Zukunft nach. Er hatte zu viel von ihr gesehen, um ihr zu trauen.

Was er nicht wusste: Sein jüngster Sohn würde nicht bleiben. Dieser Johann Georg — der zweite dieses Namens, der einzige, der überlebt hatte, der mit der kleinen Handschrift — würde Beratzhausen verlassen, Soldat werden, dann Beamter, und er würde sterben in einem Dorf in der Eifel, das sich Mulartz Hütte nannte und vierhundert Kilometer von hier lag. Die Leute dort würden seinen Namen hören und Egener schreiben, weil sie so sprachen und weil es für sie dasselbe war.

Es war nicht dasselbe.

Aber das hätte Erklärungen erfordert, die niemand mehr geben konnte — schon gar nicht Benedict, der in seiner Kammer stand und nicht wusste, was 1790 in einem Kirchenbuch der Eifel stehen würde: Joannes Georgius Egener, oriundus ex Beratshausen. Woher er stammte. Damit es niemand vergaß.

Was Johann Georg aus dem Haus seines Vaters mitnahm, lässt sich nicht vollständig sagen. Er nahm die Gewohnheit mit, zu schreiben. Er nahm die Gleichmütigkeit mit, mit der sein Vater Männer behandelt hatte, die ihn anschrien. Er nahm die Erkenntnis mit, dass man weggehen kann.

Johann Georg würde nicht wiederkommen.

Teil 2

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