Es gibt Augenblicke in der Familienforschung, in denen sich ein Kreis schließt, von dem man gar nicht wusste, dass er offen war. Für mich war es ein hölzernes Wegekreuz an einer Backsteinfassade in Alsdorf-Schaufenberg.
Eine Spur, die ins Leere zu laufen schien
Wer nach seinen Wurzeln sucht, beginnt beim eigenen Namen — bei mir also bei den Egener, der Linie meines Vaters. Erst danach wendet man sich der Seite der Mutter zu: den Brosius. Und gerade dort, bei den Brosius, vermutete ich die alte Verbindung nach Schaufenberg. Doch so weit ich die Brosius-Linie auch zurückverfolgte — bis ins späte 18. Jahrhundert, zu einem Johann Wilhelm Heinrich Brosius, geboren 1789, und dessen Vater Johannes Peter —, sie führte nicht dorthin, wo ich sie vermutet hatte. Die Brosius standen seit Generationen im Dienst des Bergbaus — schon mein Urahn Martin Brosius (1844–1910) war Grubenarbeiter und Ackerer zugleich. Ob sie freilich alteingesessen waren oder erst mit den Zechen in die Gegend kamen, kann ich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Sicher ist nur eines: Als ich die Namen meiner Vorfahren mit den historischen Einwohnerlisten Schaufenbergs verglich — jenen Erbhuldigungen von 1666 und 1730, in denen die Männer des Dorfes namentlich verzeichnet sind —, fand ich unter den Brosius: nichts. Kein einziger Treffer.
Die Antwort lag, wie so oft, nicht auf der Seite des Namens, sondern auf der Seite der Mütter.
Die mütterliche Linie öffnet die Tür
Mein Großvater Johann Brosius, der 1930 beim Grubenunglück auf Anna II ums Leben kam, hatte eine Großmutter: Hubertina Wilden (1842–1918). Über sie führt der Weg weiter zurück — zu den Breuer aus Setterich und Lohn, ackerbürgerliche Familien, katholisch, bodenständig. Und von den Breuer aus zu einer Frau, die alles verändern sollte: Maria Agnes Rübben, geboren 1775, gestorben 1828.
Denn Maria Agnes Rübben trug nicht nur einen alten Schaufenberger Namen. Auch ihre beiden Eltern taten es. Ihr Vater hieß Nicolai Rübben — und in der Erbhuldigung von 1730 steht ein „Niclaes Rüben“; im Findbuch des Alsdorfer Geschichtsvereins findet sich sogar eine „Nachfahrenliste Niccolaus Rübben, Ort: Schaufenberg“. Ihre Mutter war eine Söhnen — und einen „Peter Söhnen“ nennen beide Erbhuldigungen, die von 1666 wie die von 1730. Und eine Generation weiter zurück heiratete in diese Linie eine Hansen ein — wieder ein Name, der in beiden alten Listen steht.
Plötzlich waren die anonymen Bauern der Huldigungslisten keine Fremden mehr. Sie waren Familie.
Ein Kreuz, ein Name und ein Irrtum
Und dann stieß ich auf jenen Eintrag, der aus einer genealogischen Vermutung eine handfeste Gewissheit machte. Er steht in eben dem Schaufenberg-Kapitel, das ich selbst gemeinsam mit Karl-Bernd Ghislain und Friedrich Schmitz für das Buch „Alsdorf — Geschichte in Daten“ verfasst habe:
„1710, 19. Februar: Der Schaufenberger Bauer Thomas Hansen und seine Ehefrau Maria Cardann errichten ein Kreuz zu Ehren der bitteren Leiden Jesu Christi. Es steht heute am Lesmeister’schen Hof im Kank.“
Dieses Paar — Anton Hansen und Maria Cardaun — sind meine direkten Vorfahren, zehn Generationen zurück. Nur ein Detail stimmt in der Chronik nicht: Der Mann hieß nicht Thomas. Er hieß Tönnes, die rheinische Kurzform von Antonius. Ein kleiner Fehler, der sich vermutlich erst beim Druck und Korrekturlesen der Chronik eingeschlichen hat.
Der Kreis schließt sich
Das Schönste an dieser Geschichte ist ihr Bogen. 1710 stiften meine Vorfahren ein Kreuz. 1985 — 275 Jahre später — wird eben dieses Kreuz, die „Kreuz- und Brunnenanlage im Kank“, auf Initiative von Karl-Bernd Ghislain aufwendig restauriert und feierlich neu eingeweiht. Und ich selbst habe dabei Hand angelegt: Ich half bei den Restaurierungsarbeiten mit — ahnungslos, dass ich am Denkmal meiner eigenen Vorfahren arbeitete.

Erst Jahre später schrieb ich mit demselben Ghislain das Kapitel, in dem die Stiftung von 1710 verzeichnet ist. Und erst wieder Jahre danach, als ich die mütterliche Linie Schritt für Schritt bis zu Tönnes Hansen und Maria Cardaun zurückverfolgte, fügte sich alles zusammen. Ich hatte das Kreuz meiner Ahnen mit eigenen Händen instand gesetzt, lange bevor ich wusste, dass es die Ahnen waren.
Was bleibt
Das Kreuz steht bis heute an der Hoengener Straße, ein eingetragenes Denkmal. Sein geschnitzter Korpus ist älter als die Jahreszahl; 1710 markiert wohl eine Missionserneuerung. Über dem Haupt wachen ein Hahn und eine kleine Leiter — die Werkzeuge der Passion.
Ich habe in Kirchenbüchern und Registern viele Daten gesammelt, Geburten, Heiraten, Sterbefälle, Zahlen über Zahlen. Aber selten wurde die Vergangenheit so greifbar wie an diesem Kreuz. Es ist kein Papier, keine Urkunde, kein Eintrag in einer Datenbank. Es ist Holz und Stein, das ein Bauer und seine Frau vor über dreihundert Jahren aus Frömmigkeit an ihr Haus gesetzt haben — und das noch immer dort hängt, für jeden sichtbar, der die Straße entlanggeht.
Manchmal muss man die Genealogie nur lange genug betreiben, bis die Vorfahren aufhören, Namen zu sein, und anfangen, einem zu begegnen.
Nachweise: Alsdorf — Geschichte in Daten, Kap. Schaufenberg (E. Egener / K.-B. Ghislain / F. Schmitz); Festschrift zur Einweihung der restaurierten Kreuz- und Brunnenanlage „im Kank“, hrsg. K.-B. Ghislain, 1985; Erbhuldigungen Schaufenberg 1666 und 1730. Foto des Kreuzes: © Thomas Kühn (alsdorf-online.de).


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