Johann Brosius

Johann Brosius

17. März 1906 – 21. Oktober 1930 · Bergmann auf Grube Anna II · Alsdorf


1. Biografische Grunddaten

Name Johann Brosius
Geboren 17. März 1906 in Schaufenberg, Kreis Jülich
Gestorben 21. Oktober 1930 in Alsdorf
Alter beim Tod 24 Jahre
Vater Christian Brosius
Mutter Katharina Brosius, geborene Latour
Wohnort Kellersberg (bei Alsdorf)
Beruf Bergmann, Grube Anna II, Alsdorf
Konfession Katholisch (Trauung in der Herz-Jesu-Kirche Kellersberg)
Geburtsregisternr. 40/1906

Quellen: Familienstammbuch Johann Brosius; Todesschein Standesamt Alsdorf 23.10.1930; Arbeitsbuch ausgestellt durch Polizeiverwaltung 9.3.1920.

2. Kindheit und Herkunft

Johann Brosius wurde am 17. März 1906 in Schaufenberg, Kreis Jülich, als Sohn von Christian Brosius und Anna Katharina Brosius, geborene Latour, geboren. Über seine Kindheit und Schulzeit liegen keine schriftlichen Zeugnisse vor. Schaufenberg gehörte zur industriell geprägten Aachener Bergbauregion – die Kohlengruben des Eschweiler Bergwerks-Vereins dominierten das wirtschaftliche und soziale Leben der gesamten Gegend.

Wann die Familie nach Kellersberg, dem Arbeiterdorf in unmittelbarer Nachbarschaft der Grube Anna, zog, ist nicht dokumentiert. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Umzug im Zusammenhang mit der Bergbautätigkeit des Vaters oder des Sohnes stand, wie es für Bergarbeiterfamilien dieser Zeit typisch war.

3. Beruflicher Werdegang

3.1 Erste Arbeitsstelle – Tagearbeiter (1920)

Am 9. März 1920 stellte die Polizeiverwaltung Johann Brosius sein erstes Arbeitsbuch aus. Er war zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt – im Deutschen Reich war die Kinderarbeit ab 14 Jahren zwar eingeschränkt, jedoch galten im Bergbau besondere Regelungen für leichte Tagesarbeiten. Bereits neun Tage später, am 18. März 1920, trat Johann Brosius als Tagearbeiter auf der Grube Anna II in Alsdorf in den Dienst des Eschweiler Bergwerks-Vereins.

Als Tagearbeiter verrichtete er zunächst Arbeiten übertage – Aufgaben, die keine Erfahrung unter Tage voraussetzten: Transport, Sortierung, einfache Hilfsarbeiten auf dem Grubengelände.

Quelle: Arbeitsbuch Johann Brosius, ausgestellt 9.3.1920; Eintritt 18.3.1920 als Tagearbeiter Grube Anna II.

3.2 Aufstieg zum Schlepper (1922)

Ab dem 1. April 1922 – Johann Brosius war nun 16 Jahre alt – wurde er als Schlepper eingesetzt. Als Schlepper war er unter Tage tätig und hatte die Aufgabe, die mit Kohle beladenen Förderwagen durch die engen Strecken der Grube zu ziehen oder zu schieben. Es war körperlich schwere Arbeit in beengten, dunklen und staubigen Verhältnissen.

Der Wechsel von der Tagesarbeit zur Arbeit unter Tage markierte einen bedeutenden Einschnitt im Berufsleben eines jungen Bergmanns. Er war nun vollwertiges Mitglied der Belegschaft und arbeitete täglich in unmittelbarer Gefahr.

Quelle: Arbeitsbuch Johann Brosius; Eintrag Tagearbeiter bis 31.3.1922; Schlepper ab 1.4.1922, Grube Anna II.

4. Ehe mit Rosa Winter

4.1 Standesamtliche Eheschließung

Am 13. September 1929 heiratete Johann Brosius standesamtlich Rosa Winter in Kellersberg. Rosa Winter war am 6. Dezember 1905 in Mittelbexbach geboren und stammte ebenfalls aus Kellersberg. Sie war damit fast genau drei Monate älter als ihr Mann.

Ehemann Johann Brosius, Bergmann, Kellersberg
Ehefrau Rosa Winter, Kellersberg
Standesamtl. Trauung 13. September 1929, Kellersberg
Kirchliche Trauung 14. September 1929, Herz-Jesu-Kirche Kellersberg
Geburtsreg. Ehemann 40/1906
Geburtsreg. Ehefrau 184/1905
Trauender Pfarrer Pfarrer Klinkenberg

Quelle: Familienstammbuch Johann Brosius, Heiratsschein; Eintragung der Eltern des Ehemanns nachgetragen am 29.9.1959.

4.2 Kirchliche Trauung

Einen Tag nach der standesamtlichen Trauung, am 14. September 1929, fand die kirchliche Hochzeit in der Herz-Jesu-Kirche in Kellersberg statt. Pfarrer Klinkenberg vollzog die Trauung. Die Wahl der Herz-Jesu-Kirche als Trauungskirche belegt, dass die Familie Brosius der katholischen Konfession angehörte.

4.3 Nachträgliche Eintragungen im Familienstammbuch

Erst am 29. September 1959 – knapp 29 Jahre nach dem Tod von Johann Brosius – wurden die Eltern des Ehemanns nachträglich in das Familienstammbuch eingetragen: Christian Brosius und Anna Katharina Brosius, geborene Latour.

5. Kind: Johanna Brosius

Johann Brosius und Rosa Winter hatten eine Tochter: Johanna Brosius, geboren am 14. Juli 1931 in Kellersberg. Johanna wurde jedoch erst nach dem Tod ihres Vaters geboren – Johann Brosius erlebte die Geburt seiner Tochter nicht mehr. Rosa war beim Tod ihres Mannes schwanger.

Name Johanna Brosius
Geboren 14. Juli 1931 in Kellersberg
Geburtsregisternr. 73/1931
Ins Familienbuch eingetragen 1. Dezember 1937, Standesbeamter Helpenstein
Taufe 2. August 1931, Neuapostolische Gemeinde Alsdorf, durch Haering
Konfirmation 14. April 1946, Neuapostolische Gemeinde Alsdorf, durch Haering

Bemerkenswert ist der Konfessionswechsel: Johann Brosius und Rosa Winter heirateten in der katholischen Herz-Jesu-Kirche. Nach dem Tod ihres Mannes trat Rosa Brosius zur Neuapostolischen Gemeinde über. Ihre Tochter Johanna wurde 1931 neuapostolisch getauft und 1946 in derselben Gemeinde konfirmiert. Pfarrer Haering vollzog beide Sakramente.

Der Wechsel der Konfession nach dem frühen Witwenstand ist ein menschlich berührendes Detail: Rosa Brosius war 24 Jahre alt, als ihr Mann starb, und hochschwanger. Die neuapostolische Gemeinde bot möglicherweise Gemeinschaft und Halt in einer schwierigen Lebensphase.

Quelle: Familienstammbuch Johann Brosius, Eintragung Johanna Brosius; Tauf- und Konfirmationsvermerk.

6. Tod im Grubenunglück – 21. Oktober 1930

6.1 Das Unglück auf Grube Anna II

Am Dienstag, dem 21. Oktober 1930, um 7:29 Uhr ereignete sich auf der Schachtanlage Anna II des Eschweiler Bergwerks-Vereins in Alsdorf eine verheerende Schlagwetterexplosion. Der Ursprung lag auf der 360-Meter-Sohle im Bereich des Eduardschachts. Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass das stählerne Fördergerüst über dem Eduardschacht zerstört wurde und die Erschütterungen noch über Tage spürbar waren.

Es war das zweitgrößte Grubenunglück in der Geschichte des deutschen Bergbaus. Laut der offiziellen Bekanntmachung des Vorstands des Eschweiler Bergwerks-Vereins vom 11. Dezember 1930 kamen 271 Bergleute ums Leben. Darüber hinaus erlitten 304 Menschen zum Teil schwere Verletzungen. Das Unglück hinterließ 146 Witwen, 9 Vollwaisen und 203 Halbwaisen.

Quelle: Bekanntmachung des Vorstands des Eschweiler Bergwerks-Vereins, 11.12.1930; Standesamt Alsdorf, Opferliste 21.10.1930.

6.2 Johann Brosius unter den Opfern

Johann Brosius befand sich am Morgen des 21. Oktober 1930 in der Grube. Er gehörte zur Frühschicht auf Grube Anna II. Er kam bei der Explosion ums Leben. Sein Name ist in der amtlichen Opferliste des Standesamts Alsdorf dokumentiert.

Johann Brosius war 24 Jahre alt. Er hatte gerade erst im September des Vorjahres geheiratet. Seine Frau Rosa war zu diesem Zeitpunkt mit der gemeinsamen Tochter Johanna schwanger, die neun Monate später, am 14. Juli 1931, das Licht der Welt erblicken sollte.

Johann Brosius ist der Großvater des Verfassers dieser Chronik.

6.3 Der Todesschein

Der Todesschein wurde am 23. Oktober 1930 – zwei Tage nach dem Unglück – vom Standesamt Alsdorf ausgestellt. Standesbeamter war Helpenstein, derselbe Beamte, der später auch die Geburt von Johanna Brosius ins Familienbuch eingetragen hat.

Name Johann Brosius
Wohnort Kellersberg
Stand / Beruf Bergmann
Alter 24 Jahre
Geburtsort Schaufenberg
Sterbedatum 21. Oktober 1930
Sterbeort Alsdorf
Ausstellungsdatum 23. Oktober 1930
Standesbeamter Helpenstein

Quelle: Todesschein Johann Brosius, Standesamt Alsdorf, 23.10.1930; eingetragen im Familienstammbuch Johann Brosius als letzte Eintragung.

7. Rosa Brosius – Leben als Witwe

Rosa Brosius, geborene Winter, stand nach dem Tod ihres Mannes allein da. Sie war 24 Jahre alt, hochschwanger und Witwe eines Bergmanns, der im zweitgrößten Grubenunglück der deutschen Geschichte ums Leben gekommen war. Wie für viele der 146 Witwen, die das Unglück hinterließ, war die wirtschaftliche Lage schwierig.

Rosa Brosius trat nach dem Tod ihres Mannes zur Neuapostolischen Gemeinde über und zog ihre Tochter Johanna in dieser Glaubensgemeinschaft auf. Johanna Brosius heiratete später Rudolf Egener, Sohn von Leonhard Egener und Elisabeth Dautzenberg – womit die Familien Brosius und Egener genealogisch verbunden wurden.

Rosa Brosius war die Schwester von Karl Winter, der ebenfalls beim Grubenunglück 1930 ums Leben kam. Karl Winter war 21 Jahre alt. Rosa verlor am selben Tag ihren Ehemann und ihren Bruder.

Das gleichzeitige Sterben von Ehemann und Bruder am 21. Oktober 1930 ist durch die Opferliste des Standesamts Alsdorf belegt.

8. Quellenverzeichnis

Quelle Art Inhalt / Verwendung
Familienstammbuch Johann Brosius Primärquelle Heiratsschein, Geburt Johanna, Todesschein, Elterneintrag 1959
Arbeitsbuch Johann Brosius Primärquelle Eintritt 18.3.1920 als Tagearbeiter; Schlepper ab 1.4.1922
Todesschein Standesamt Alsdorf Primärquelle Tod 21.10.1930, ausgestellt 23.10.1930, Standesbeamter Helpenstein
Opferliste Standesamt Alsdorf 21.10.1930 Primärquelle Namen Johann Brosius und Karl Winter belegt
Bekanntmachung EBV, 11.12.1930 Primärquelle Offizielle Opferzahl 271 des Eschweiler Bergwerks-Vereins
Recherche Veronika Leisten Sekundärquelle Opferliste Grubenunglück Alsdorf 1930

Dieser Artikel ist Teil der Familienchronik Egener · Brosius · Winter · Dautzenberg. Erstellt von Ernst Egener · Stand: März 2026.

Manfred Thoma aus Alsdorf hat dieses Video zum Grubenunglück in Alsdorf veröffentlicht:
 


3 Kommentare zu „Johann Brosius“

  1. […] dreifachen Verlust tragen, kaum eine Straßenzeile, die nicht persönliche Trauer trägt. Mein Opa Johann Brosius ist hier beigesetzt […]

  2. […] Johann Brosius wurde am 17. März 1906 in Schaufenberg geboren, einem Ort, der wie die gesamte Region um Alsdorf tief vom Steinkohlenbergbau geprägt war. Er wuchs auf in einer Zeit, in der die Grube Anna des Eschweiler Bergwerks-Vereins (EBV) das wirtschaftliche und soziale Leben der Gegend bestimmte. Als junger Mann ergriff er den Beruf des Bergmanns — wie so viele seiner Generation in dieser vom Bergbau dominierten Region keine freie Wahl, sondern eine fast zwangsläufige Lebensrealität. […]

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