Von Steinwenden nach Alsdorf — ein Familienzweig zwischen Handwerk, Bergbau und Krieg
Fünf Generationen. Ein Familienzweig, der mit einem Wagner aus dem protestantischen Steinwenden beginnt und mit meiner Großmutter Rosa in einer Bergarbeitersiedlung im Aachener Revier endet. Dazwischen: eine ungewöhnliche Mischehe, ein Berufsbruch vom Handwerk in den Bergbau, ein Weltkrieg mit lebenslangen Folgen, und eine Katastrophe, die an einem einzigen Oktober-Tag eine ganze Familie zerreißt.
Das ist die Geschichte der Familie Winter.
Prolog: Die Wurzeln in Steinwenden
Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, ein Blick auf die Generation davor.
Heinrich Winter wurde 1777 in Steinwenden geboren — in demselben protestantischen Pfälzer Dorf, aus dem auch sein Sohn stammen würde. Er war Wagner. Sein Sohn würde denselben Beruf erlernen, denselben Vornamen tragen. Das ist das erste Muster dieser Familie: Beruf und Name vererben sich vom Vater auf den Sohn.
Er heiratete Anna Elisabetha Zinssmeister (1783–1845). Sechs Kinder kamen zur Welt — darunter zwei, die früh starben: Daniel (1811–1825, mit 14 Jahren) und Philipp (1819–1834, mit 15 Jahren). Das dritte Kind, Heinrich, wurde am 6. Januar 1814 geboren und trug den Namen des Vaters.
Am 30. März 1843 stand Heinrich (1777) noch in Homburg bei der Hochzeit seines Sohnes — er war anwesend, er gab seine Einwilligung. Anna Elisabetha ebenfalls. Es sollte einer ihrer letzten gemeinsamen Auftritte als Familie sein: Sie starb 1845, ihr Mann folgte ihr am 12. Februar 1849. Die meisten Enkelkinder haben sie kaum oder gar nicht gekannt.
Die zweite Generation: Der Wagner und die Hebamme
Heinrich Winter (1814–vor 1881)
Am 6. Januar 1814 — Dreikönigstag — wurde Heinrich Winter im Dorf Steinwenden in der Bayerischen Pfalz geboren. Sein Vater war Wagner, und Heinrich lernte denselben Beruf: Wagner, also Stellmacher und Wagenbauer, ein Handwerk an der Grenze zwischen Holz und Eisen, das Räder, Achsen und Fuhrwerke für die ländliche Welt des 19. Jahrhunderts fertigte.
Er absolvierte seinen Militärdienst im Königlichen Infanterie-Regiment Herzog Wilhelm und wurde am 29. April 1842 in Landau entlassen. Dann heiratete er.
Maria Salomea Ecker (1816–1887)
Seine Frau kam aus einer anderen Welt — zumindest konfessionell. Maria Salomea Ecker wurde am 22. Januar 1816in Erbach geboren, als Tochter des Ackerers Wilhelm Ecker und seiner Frau Margaretha Schuck. Sie war katholisch. Heinrich war lutherisch. In der Pfalz des 19. Jahrhunderts war das keine Kleinigkeit.
Salomea hatte bereits vor der Ehe eine Tochter: Ecker Catharina 1838, geboren am 22. Dezember 1838 in Erbach und getauft am 24. Dezember — Heiligabend. Der Vater ist im Kirchenbuch nicht genannt. Als Salomea und Heinrich am 30. März 1843 in Homburg heirateten, war auch der gemeinsame Sohn Christian schon auf der Welt — geboren am 12. Februar 1843, sechs Wochen vor der Hochzeit, und bei der Eheschließung legitimiert. Weitere Kinder folgten — darunter Joseph und Barbara, deren Geburtsjahre nicht überliefert sind — sowie schließlich Friedrich (1853), der einzige Sohn, der Nachfahren hinterließ.
Die Mischehe
Die Trauung fand in der evangelischen Kirche zu Homburg statt — auf der Seite des Bräutigams also. Für die Mischehe waren kirchliche Bescheinigungen beider Konfessionen nötig: Das evangelische Pfarramt Steinwenden stellte am 15. Januar 1843 eine Bescheinigung aus, die katholische Pfarrei Homburg am 25. März 1843 — fünf Tage vor der Hochzeit. Standesamtlich und kirchlich wurde am selben Tag, dem 30. März, gefeiert.
Das Paar zog nach Mittelbexbach — einem Ort, der fortan der Ankerpunkt der Familie bleiben sollte.
Salomea, die Hebamme
Was uns ein zufällig erhaltenes Dokument verrät: Salomea Ecker war keine gewöhnliche Dorffrau. Ein Geburtseintrag vom 24. Juli 1850 aus Waldmohr bezeichnet sie ausdrücklich als „gesetzliche Hebamme von Oberbexbach“ — eine staatlich lizenzierte Fachkraft, die eine offizielle Prüfung abgelegt hatte. Sie erscheint vor dem Standesbeamten, um eine Geburt anzuzeigen, als Zeugin und Sachwalterin zugleich.
Ihr Mann Heinrich starb vor 1881 in Mittelbexbach — das genaue Datum ist nicht überliefert. Salomea überlebte ihn als Witwe. Sie starb am 20. Juni 1887, 71 Jahre alt.
Die dritte Generation: Der erste Bergmann
Friedrich Winter (1853–nach 1881)
Am 26. April 1853 wurde in Oberbexbach ein Sohn geboren: Friedrich Winter, Sohn des Wagners Heinrich und der Hebamme Salomea. Den Vornamen Friedrich sollte er an seinen eigenen Sohn weitergeben — aber zunächst schlug er einen anderen Weg ein als sein Vater.
Friedrich wurde Bergmann. Nicht Wagner wie sein Vater — er ging in die Grube. Dieser Berufsbruch war typisch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts: Der Steinkohlenbergbau wuchs rasant, die Löhne waren vergleichsweise gut, und für die Söhne von Handwerkerfamilien in der Pfalz war die Grube ein Aufstiegsversprechen.
Am 22. März 1881 heiratete Friedrich Winter in Lambsborn — Katharina Trautmann, geboren 1856. Das Paar wohnte in Mittelbexbach, wo schon Friedrichs Mutter Salomea lebte.
Acht Kinder kamen zur Welt. Das erste, ein Sohn, wurde am 25. November 1881 geboren — ebenfalls Friedrichgerufen, wie der Vater vor ihm.
Die vierte Generation: Der Weg ins Revier
Friedrich Winter (1881–1943) und Margaretha Weber (1884–1976)
Dieser Friedrich — Winter Friedrich 1881 — wird der am besten dokumentierte Mensch im gesamten Familienzweig. Für ihn gibt es Militärakte, Heiratsurkunde, Knappschaftsbuch, Familienbogen, und ein Gerichtsurteil.
Er arbeitete sich zum Hauer hoch — dem Fachmann direkt am Kohlenstoß. Er heiratete am 2. März 1905 in Bexbach die Bergmannstochter Margaretha Weber, die ebenfalls aus Mittelbexbach stammte. Zwei Kinder einer Bergarbeiterwelt, die dieselben Straßen kannten, dieselbe Kirche.
1912 zog die Familie ins Aachener Revier: Friedrich hatte eine Stelle auf der Grube Anna II in Alsdorf angenommen. Das Knappschaftsbuch verzeichnet seinen ersten Eintrag dort für den 27. September 1912. Sie ließen sich in Kellersberg nieder, einer jungen Bergarbeitersiedlung des Eschweiler Bergwerks-Vereins.
Dann kam der Erste Weltkrieg. Friedrich zog 1914 ein — nach Frankreich, Griechenland, Serbien. Im Griechenlandfeldzug 1915/16 erkrankte er an Malaria, dazu kam ein Ischiasleiden. Beides sollte ihn nie mehr loslassen. 1917 wurde er vorzeitig aus dem Feldheer entlassen — nicht als Heimkehrer, sondern weil der Staat seine Kohle brauchte. Er bekam das Eiserne Kreuz 2. Klasse und fuhr wieder ein.
Nach dem Krieg kämpfte Friedrich für seine Kriegsrente. Das Versorgungsamt wollte ihm nur 20 % Erwerbsminderung zugestehen. Friedrich zog vor Gericht. Am 26. Februar 1925 urteilte das Versorgungs-Gericht Aachen: 40 % — der Gerichtsarzt hatte eine schwache Herztätigkeit festgestellt, Folge der Malaria. Friedrich hatte gewonnen.
Am 21. Oktober 1930 explodierte auf Grube Anna II ein Schlagwetter. 271 Bergleute starben. Friedrich war zu diesem Zeitpunkt bereits invalide — er fuhr nicht mehr ein. Er überlebte. Aber sein Sohn Karl — 21 Jahre alt — und sein Schwiegersohn Johann Brosius starben an diesem Tag.
Friedrich Winter starb am 30. Januar 1943 — an der Malaria, die er sich fast dreißig Jahre zuvor in Griechenland geholt hatte.
Margaretha überlebte ihn um mehr als drei Jahrzehnte. Sie starb am 28. Juni 1976 in Alsdorf-Schaufenberg, 92 Jahre alt — die älteste Person in der gesamten dokumentierten Familiengeschichte.
Die vollständige Geschichte von Friedrich und Margaretha: Blog — Vom Bergmannsdorf ins Revier
Die fünfte Generation: Rosa
Rosa Winter (1905–1992)
Am 6. Dezember 1905 — dem Nikolaustag — wurde in Bexbach, Mittelbexbach, das erste Kind von Friedrich und Margaretha geboren: Rosa Winter. Meine Großmutter. Ihr folgten drei Geschwister: Klara (1907), Karl (1909) und Anna (1910).
Sie war sechs Jahre alt, als die Familie 1912 nach Kellersberg zog. Sie wuchs in der Bergarbeitersiedlung auf, in der die Zeche der Takt des Lebens war — Schichtbeginn, Schichtende, die Männer schwarz von Kohle.
Am 13. September 1929 heiratete Rosa in der Kirche Herz-Jesu in Kellersberg: Johann Brosius, geboren 1906, ebenfalls Bergmann auf Grube Anna II.
Dreizehn Monate später, am 21. Oktober 1930, war Johann tot. Er starb beim Grubenunglück Anna II. An demselben Tag starb auch Rosas Bruder Karl, 21 Jahre alt. Rosa verlor an einem einzigen Dienstag ihren Mann und ihren Bruder. Sie war 24 Jahre alt — und schwanger.
Am 14. Juli 1931 brachte Rosa in der Bahnstraße 13 in Kellersberg eine Tochter zur Welt: Johanna. Johann Brosius hatte seine Tochter nie gesehen.
Rosa heiratete später ein zweites Mal: Aloisius Schwan. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor: Manfred (1939) und Brigitte (1944). Sie lebte in Alsdorf, in einem Haus in der Engelstraße 54, das sie später ihrer Tochter Johanna vermachte — und blieb selbst im Erdgeschoss wohnen. Sie starb am 30. Oktober 1992 in Würselen, 86 Jahre alt, und wurde auf dem Friedhof Schaufenberg in Alsdorf beigesetzt — wo auch ihre Mutter Margaretha, seit 1976 ruhte.
Vier Generationen — eine Linie
| Generation | Person | Geburt | Beruf | Besonderheit |
|---|---|---|---|---|
| 0 | Winter Heinrich 1777 | 1777, Steinwenden | Wagner | Gleicher Name, gleicher Beruf wie Sohn; †12.02.1849 |
| 0 | Anna Elisabetha Zinssmeister | 1783 | — | †1845; bei Sohneshochzeit 1843 anwesend |
| 1 | Winter Heinrich 1814 | 06.01.1814, Steinwenden | Wagner | Lutherisch; Mischehe mit Katholikin |
| 1 | Ecker Maria Salomea 1816 | 22.01.1816, Erbach | gesetzliche Hebamme | Einzige Frau im Zweig mit eigenem Beruf |
| 2 | Winter Friedrich 1853 | 26.04.1853, Oberbexbach | Bergmann | Erster Bergmann der Linie — Bruch mit Vaters Wagner-Beruf |
| 3 | Winter Friedrich 1881 | 25.11.1881, Mittelbexbach | Hauer | WWI, Malaria, Ischias; Grubenunglück 1930 überlebt |
| 3 | Weber Margaretha 1884 | 24.01.1884, Mittelbexbach | — | 92 Jahre — älteste Person in der Familiengeschichte |
| 4 | Winter Rosa 1905 | 06.12.1905, Mittelbexbach | — | Meine Großmutter; Witwe mit 24; Tochter Johanna posthum |
Was diese vier Generationen verbindet, ist mehr als Blut. Es ist ein Ort — Mittelbexbach — der über drei Generationen der Ankerpunkt bleibt, bis der Bergbau die Familie 1912 ins Aachener Revier zieht. Es ist ein Beruf — die Grube — der mit Winter Friedrich 1853 beginnt, der als erster die Wagnerswerkstatt seines Vaters gegen den Schacht tauschte, und der sich durch seinen Sohn Winter Friedrich 1881 fortsetzt, den Hauer, der Malaria, Krieg und Gerichtssaal überlebte. Und er endet mit Brosius Johann 1906, Rosas Ehemann, der am 21. Oktober 1930 nicht zurückkam. Und es ist eine Eigenschaft, die sich durch alle Frauen dieser Linie zieht: Salomea, die allein Kinder aufzieht und als Hebamme arbeitet. Margaretha, die 92 Jahre alt wird. Rosa, die mit 24 verwitwet ist und trotzdem weiterlebt.
Die Männer dieser Familie arbeiteten unter der Erde. Die Frauen trugen das drüber.
Zeittafel: Die Winter-Linie
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1777 | Winter Heinrich 1777 geboren, Steinwenden |
| 1783 | Anna Elisabetha Zinssmeister geboren |
| [unbekannt] | Heirat Heinrich Winter 1777 × Anna Elisabetha Zinssmeister |
| 1814 | Winter Heinrich 1814 geboren, Steinwenden |
| 1816 | Ecker Maria Salomea 1816 geboren, Erbach |
| 1838 | Ecker Catharina 1838 geboren (unehelich), Erbach — Heiligabend getauft |
| 1842 | Heinrich Winter aus Militär entlassen, Landau |
| 1843 | Heirat Heinrich Winter × Salomea Ecker, Homburg — Mischehe, ev. × kath.; Eltern beider Seiten anwesend |
| 1845 | Tod Anna Elisabetha Zinssmeister, Mutter Heinrichs 1814 |
| 12.02.1849 | Tod Winter Heinrich 1777 — Großvater der Hauptlinie |
| 1853 | Winter Friedrich 1853 geboren, Oberbexbach |
| 1881 | Friedrich 1853 heiratet Katharina Trautmann, Lambsborn |
| 25.11.1881 | Winter Friedrich 1881 geboren, Mittelbexbach |
| 1887 | Tod Salomea Ecker, 71 Jahre |
| 1884 | Weber Margaretha 1884 geboren, Mittelbexbach |
| 1905 | Heirat Friedrich 1881 × Margaretha Weber, Bexbach |
| 06.12.1905 | Winter Rosa 1905 geboren, Mittelbexbach |
| 12.08.1907 | Winter Klara 1907 geboren, Mittelbexbach |
| 27.03.1909 | Winter Karl 1909 geboren, Mittelbexbach |
| 17.12.1910 | Winter Anna 1910 geboren, Mittelbexbach |
| 1912 | Umzug nach Kellersberg, Grube Anna II Alsdorf |
| 1914–1917 | Friedrich 1881 im Ersten Weltkrieg — Malaria + Ischias |
| 1919–1925 | Rentenkampf Friedrich 1881 — Urteil Versorgungsgericht: 40 % |
| 13.09.1929 | Rosa heiratet Brosius Johann 1906, Kellersberg |
| 21.10.1930 | **Grubenunglück Anna II: [[Winter Karl 1909 |
| 14.07.1931 | Brosius Johanna 1931 geboren — posthumes Kind von Rosa und Johann |
| [Datum unbekannt] | Rosa heiratet [[Schwan Aloisius |
| 1939 | Schwan Manfred 1939 geboren |
| 1944 | Schwan Brigitte 1944 geboren |
| 30.01.1943 | Tod Friedrich Winter 1881, Alsdorf — Malaria als Spätfolge |
| 28.06.1976 | Tod Margaretha Weber, 92 Jahre, Alsdorf-Schaufenberg |
| 30.10.1992 | Tod Rosa Winter, 86 Jahre, Würselen |
Quellen: Heiratsurkunde Winter Heinrich & Ecker Maria Salomea 1843 · Kirchlicher Heiratseintrag Winter Heinrich & Ecker Maria Salomea 1843 · Taufeintrag Ecker Catharina 1838 — Erbach · Geburtseintrag Maria Bechtel 1850 — Waldmohr · Urteil Versorgungsgericht Aachen 1925 — Friedrich Winter · Familienbogen Friedrich Winter · Knappschaftsbuch Wurmknappschaft · Geburtsurkunde Brosius Johanna 1931 — alle in Archiv Ernst Egener


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