Schreibensunkundig- Familiengeschichten aus 300 Jahren (6)

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11 Das Urteil

Königliches Landgericht Aachen, 14. September 1868

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Vierzehn Jahre standen die falschen Namen in Heinrichs Geburtsurkunde, und vierzehn Jahre hätte man sie stehen lassen können, denn im Alltag fragte niemand danach. Ein Weber und seine Frau brauchten keine amtlich korrekte Mutter, um zu leben, zu arbeiten und Kinder großzuziehen.

Aber irgendwann brauchte man es doch. Vielleicht ging es um eine Erbschaft, um ein Papier, um eine jener bürokratischen Gelegenheiten, bei denen ein Mensch plötzlich beweisen muss, dass er das Kind seiner Mutter ist. Und da stand nun in Heinrichs Urkunde eine Frau namens Helena Thimmes, die es amtlich nicht gab, während die Frau, die es gab, Magdalena Corban hieß.

Also zogen Johann Georg Egener und seine Frau vor das Königliche Landgericht in Aachen.

Es war das erste Mal, dass jemand in dieser Familie ein Gericht anrief, um einen Namen richtigzustellen, statt von einem Gericht wegen einer Schuld aufgesucht zu werden. Der Urgroßvater des Webers war Landbote gewesen und hatte selbst Menschen vor Gericht gebracht. Nun saß die Familie auf der anderen Seite, nicht als Beschuldigte, sondern als Bittsteller in eigener Sache: Bitte stellt fest, wer diese Frau ist.

Am vierzehnten September 1868 stellte das Gericht es fest. Die Richter — Rottels führte den Vorsitz — befanden, dass die in der Geburtsurkunde des Heinrich Egener genannte Helena Thimmes und die Magdalena Corban ein und dieselbe Person seien, und ordneten die Berichtigung an. Die Kosten betrugen einen Thaler und zwanzig Silbergroschen. Man verzeichnete den Vorgang unter der Nummer 345.

Damit hatte Magdalena Corban amtlich ihren Namen zurück, den sie im Grunde die ganze Zeit besessen hatte. Sie war dreiundfünfzig Jahre alt. Ihr Mann starb zwei Jahre später, sie selbst lebte noch zwanzig Jahre und starb 1888 in der Mühlradstraße, als Magdalena Corban, Witwe des Webers Johann Egener — richtig eingetragen, diesmal von Anfang bis Ende.

Es hatte ein Gerichtsurteil gebraucht, damit eine Frau hieß, wie sie hieß. In einer Familie, deren Männer seit hundertfünfzig Jahren hießen, wie die Schreiber sie gerade verstanden, war das beinahe folgerichtig.

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12 Der Cousin im Schnee

Burtscheid, „in den Rothbenden”, 18. Februar 1892

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Es gab noch einen Egener dieser Jahre, dessen Geschichte hierhergehört, weil sie zeigt, wie tief man fallen konnte, wenn das Handwerk starb und man nicht rechtzeitig herauskam.

Heinrich Egener war ein Cousin des Webers Johann Georg — sein Vater Jakob und Johann Georgs Vater Johann Mathias waren Brüder gewesen, beide Söhne des schreibensunkundigen Georg Peter. Auch Jakob war Weber, wie fast alle in dieser Familie. Sein Sohn Heinrich aber trug kein Handwerk, das ihn hielt, oder verlor es wieder; in den Akten steht er als „gewerblos”, ohne Beruf, und am Ende als „ohne bestimmte Wohnung”. Das ist die amtliche Umschreibung für einen Mann, der nichts mehr hatte und nirgends mehr hingehörte.

In der Nacht auf den achtzehnten Februar 1892 ging er, dreiundsiebzig Jahre alt, durch die Rothbenden bei Burtscheid, die Felder am Weg nach Steinebrück. Es war kalt. Irgendwann wich er vom Weg ab, legte sich hin und schlief ein — in dem Glauben, wie es später hieß, er sei zu Hause.

Was dann geschah, ist ein bekanntes Zeichen des Erfrierens: In der letzten Phase empfindet der Körper eine trügerische Hitze. Heinrich zog Rock und Jacke aus und deckte sich damit zu, als läge er in einem Bett. Neben ihm stand eine halb geleerte Schnapsflasche, die die Sache beschleunigt hatte. Und er hatte, ehe er sich hinlegte, ein Geschirr mit Essen sorgfältig in seine Mütze gestellt und beiseitegesetzt — der letzte Handgriff eines Menschen, der noch einen Rest Ordnung um sich herstellte, in einer Nacht, die keine für ihn bereithielt.

Am Morgen fanden ihn Schulkinder auf ihrem Weg von Steinebrück, erfroren auf dem Eis.

Die Aachener Zeitung meldete den Fall noch am selben Tag. Sie nannte den Toten Peter Egener. Es war der falsche Vorname; die Sterbeurkunde, Nummer siebenundvierzig, führte ihn korrekt als Heinrich. So endete auch dieser Egener, wie so viele vor ihm, mit einem Namen, den ein Schreiber verfehlte — nur dass es diesmal der letzte Eintrag war, den es über ihn gab, und dass kein Angehöriger da war, ihn zu berichtigen. Die Anzeige seines Todes kam nicht aus der Familie, sondern von der Polizei.

Vierundzwanzig Jahre zuvor hatte ein Gericht in Aachen dafür gesorgt, dass eine Frau dieser Familie, Magdalena Corban, endlich den richtigen Namen bekam. Für Heinrich tat das niemand. Sein Name stand einmal falsch in der Zeitung und einmal richtig in der Urkunde, und dann war es still. Er hinterließ keine Kinder, kein Vermögen, kein Wort — nur den Ort, die Rothbenden, und das Bild eines Mannes, der sich in den Schnee legte, weil er glaubte, er sei zu Hause.

Erst der Nachfahre, der die Urkunde Nummer siebenundvierzig aus dem Archiv zog, gab ihm den Vornamen zurück und die Geschichte dazu. Es ist wenig. Aber es ist mehr, als er hatte, als die Kinder ihn fanden.

Fortsetzung folgt



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