Schreibensunkundig – Familiengeschichten aus 300 Jahren (7)

Fünfter Teil: Josef (1848–1901)

Der Zwilling. Pressermeister. Vater von sieben Kindern, von denen eines blieb.

13 Zwei am selben Tag

Burtscheid, 20. Januar 1848

Im Jahr, in dem in Berlin, Wien und Paris die Barrikaden standen und die Throne wackelten, kamen in Burtscheid zwei Kinder auf einmal zur Welt, und niemand außerhalb der Familie nahm davon Notiz. Es waren Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen, geboren am zwanzigsten Januar, getauft am selben Tag. Der Junge hieß Josef, das Mädchen Maria Anna.

Die Revolution ging vorüber, wie Revolutionen es tun, und ließ die Throne, wo sie waren, mehr oder weniger. Von den beiden Kindern ging das eine ebenfalls vorüber. Maria Anna starb im September des folgenden Jahres, zwanzig Monate alt. Josef blieb.

Er wuchs auf in einer Familie, in der das Bleiben nicht selbstverständlich war. Von seinen Geschwistern hatten mehrere die ersten Jahre nicht überstanden — eine Agnes mit anderthalb, ein Arnold mit dreieinhalb, und die Zwillingsschwester, mit der er den Geburtstag geteilt hatte. Josef lernte früh, was in diesem Jahrhundert jedes Kind lernte, das überlebte: dass Überleben eine Ausnahme war, kein Anspruch.

Er ergriff den Beruf, den man in Burtscheid ergriff. Nicht mehr Weber wie der Vater — die Zeit der Handwebstühle ging zu Ende —, sondern Tuchpresser, dann Pressermeister, dann Walker. Er arbeitete im Tuch, wie alle vor ihm im Tuch gearbeitet hatten, nur an einer anderen Stelle der Kette, näher an den Maschinen, die jetzt kamen.

14 Die Namen der Kinder

Aachen und Burtscheid, 1875–1895

Josef Egener heiratete Maria Zimmermann im Herbst 1874, und in den folgenden zwanzig Jahren bekamen sie sieben Kinder. Sechs von ihnen starben, bevor sie zwei Jahre alt wurden.

Man kann die Namen aufzählen, weil die Namen das Einzige sind, was von den meisten dieser Kinder blieb, außer einer Nummer im Sterberegister.

Das erste war Peter, geboren 1875. Er lebte.

Das zweite war Gertrud, geboren 1877, gestorben mit nicht ganz zwei Jahren. Das dritte war Maria Gertrud, geboren 1878, gestorben mit sieben Monaten. Als das vierte Kind kam, 1882, nannten sie es wieder Gertrud, die zweite dieses Namens, und auch dieses Kind starb, mit fünfzehn Monaten. Man gab den Namen weiter wie ein Kleidungsstück, das der Vorbesitzer nicht mehr brauchte. Es war dieselbe Rechnung, die hundertsechzig Jahre zuvor ein Chirurg in Beratzhausen aufgemacht hatte, als er seinen zweiten Sohn nannte wie den ersten, den er begraben hatte. Ein Name ging nicht verloren, nur weil das Kind verloren ging.

Das fünfte war Magdalena, benannt nach der Großmutter, der Frau mit den vier Namen. Es lebte fünfzehn Monate. Das sechste war Franz. Es lebte acht Tage. Das siebte war Hubertina, geboren 1894, gestorben 1895, zehn Monate alt.

Sechs Sterbeurkunden, ausgestellt über zwanzig Jahre, jede mit ihrer Nummer, jede von einem Standesbeamten geschrieben, der den Namen richtig eintrug, weil das Buchhalterwesen inzwischen genauer war als zu Zeiten der Pfarrer. Die Kinder starben korrekt verzeichnet. Das war der Fortschritt des Jahrhunderts: nicht dass weniger Kinder starben, sondern dass man sie besser zählte.

Peter, der Erstgeborene, das einzige der sieben Kinder, das erwachsen wurde, arbeitete da bereits nicht mehr im Tuch. Er war zur Straßenbahn gegangen. Er hatte, ohne es zu wissen, das getan, was in dieser Familie alle hundert Jahre einmal jemand tat: Er war weggegangen, dorthin, wo es Luft gab. Nur diesmal musste er dafür nicht vierhundert Kilometer weit.



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