Genealogie ist für mich weit mehr als nur das Sammeln von Namen und Daten. Es ist die Spurensuche nach den Menschen, die uns zu dem gemacht haben, wer wir heute sind. Wenn ich in meine Unterlagen blicke, besonders in die Geschichte meiner Urgroßmutter Therese Helene Kuyken (1874–1952) und ihres Vaters Arnold Kuyken (1839–1915), öffnet sich ein Fenster in eine Zeit, in der Mobilität und unternehmerischer Mut noch ganz anders aussahen als heute.
Die „Haarteuten“: Europa als Arbeitsplatz
Alles begann in Bergeijk, einer kleinen Gemeinde in der niederländischen Provinz Nordbrabant. Hier lebten unsere Vorfahren, die „Kuijkens“. Doch sie waren keine einfachen Landwirte. Sie gehörten zur Zunft der „Haarteuten“ – reisende Händler, die mit Menschenhaar für die Perückenherstellung, Galanteriewaren und später Steingut durch ganz Europa zogen.
Ein „Teut“ zu sein, erforderte Sprachgefühl, Verhandlungsgeschick und eine enorme Abenteuerlust. Sie waren die Globalisierer ihrer Zeit, lange bevor wir diesen Begriff überhaupt kannten.
Vom „Kuijken“ zum „Kuyken“: Ein Name wandert aus
Ein entscheidender Moment ist der Umzug von Arnoldus Kuijken (geb. 1839). Er verließ die niederländische Heimat und ließ sich im Grenzgebiet zwischen Scherpenseel und Aachen nieder.
In den Akten lässt sich dieser Wandel heute noch fast spielerisch nachvollziehen: Aus dem niederländischen „Kuijken“ wurde in der deutschen Verwaltung das „Kuyken“. Ein kleiner Buchstabentausch, der symbolisch für das Ankommen in einer neuen Welt steht. Arnoldus, der das Handelsgen seiner Vorfahren im Blut hatte, legte damit den Grundstein für unsere Familie im deutschen Raum.
Das Rätsel von 1899 und der Visionär von Wallau
Aus einer Chronik von Wallau: Auf den Straßen erschien ein großgewachsener Mann mit bedeutender Nase, Energie und Tatkraft verbreitend, und rief: „Haare kauft!” Es war der Haarhändler Kuyken von der holländischen Grenze, der im Hessischen ein einträgliches Gebiet fand und die Kaufware in einem samtenen Rucksack mitführte. Er schnitt den Frauen mit ihrer Einwilligung die Haare am Wirbel ab und betrieb damit einen schwunghaften Handel.
Lange Zeit war Arnold für uns der „Verschollene“. Als meine Urgroßmutter Therese Helene 1899 in Aachen ihren Herman Joseph Dautzenberg heiratete, wurde ihr Vater im Standesamt-Eintrag als „verschollen“ geführt. Er war aus dem Leben seiner Familie in Aachen einfach getilgt worden.
Doch die Geschichte hat eine überraschende Wendung genommen. In der Chronik von Wallau finden wir ihn als Mann von beeindruckender Tatkraft wieder. Er war kein einfacher „Haarteut“ mehr, sondern ein industrieller Pionier. Er baute Ziegeleien, setzte auf modernste Dampfkraft und war ein geachteter Geschäftsmann. Sein Antlitz ist sogar in einer Büste verewigt, die heute im Heimatmuseum Wallau steht – ein Zeugnis seines Erfolgs.

Ludwig Blöcher, Bildhauer hat sie erstellt; die Fotos der Büste wurden mir freundlicherweise von Herrn W. Welsch aus dem Heimatmuseum in Wallau zur Verfügung gestellt.
Die Auflösung: Ein Neuanfang
Dank eines Eintrags im Kirchenbuch von Biedenkopf aus dem Jahr 1915 wissen wir nun: Arnold Kuyken ist nicht einfach verschwunden. Er hat sich neu erfunden. Er tauschte die rastlose Arbeit als Haarteut gegen eine feste Anstellung in Wallau bei der Firma Ritter. Er lebte dort bis zu seinem Tod im stolzen Alter von 76 Jahren.

Er war nicht verloren, er war nur woanders angekommen. Dass man ihn heute in Wallau als Pionier bewundert, während er für seine eigene Tochter in Aachen als verschollen galt, zeigt: Unsere Geschichte ist komplex. Vielleicht ist das Geheimnis nicht, wo er verschwand, sondern warum er sich entschied, zwischen zwei Welten zu leben.
Ich habe im Internet noch 2 Bilder gefunden, die Arnold Kuyken zeigen. Es kann also gut sein, dass er zwischen 1899 und 1915 noch einmal in Aachen war und hier mit seinem Enkelkind fotografiert wurde.

Warum ich das aufschreibe
Wenn ich heute durch Aachen gehe (was nur noch sehr selten der Fall ist), sehe ich die Stadt mit anderen Augen. Ich sehe die Wege, die meine Urgroßmutter gegangen ist, und ich spüre den Pioniergeist meiner Vorfahren, die keine Angst hatten, ihre Koffer zu packen und in einem neuen Land neu anzufangen.
Dieser Geist scheint in mir weiterzuleben: Auch ich habe meine Wurzeln in Alsdorf in der Städteregion Aachen hinter mir gelassen und bin in den Norden, nach Hamburg, gezogen. Unsere Familiengeschichte ist eine Geschichte von Anpassungsfähigkeit und Mut – und ich bin stolz darauf, diese „Teuten-Gene“ in mir zu tragen. Immerhin habe ich in meiner Jugend kurze Zeit mit einem 7,5 t Kühltransporter “Wurst kauft” und dann 30 Jahre “Medikamente kauft” betrieben 😀.

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