Von Haarteuten und Sägemehl-Logik

neben der Familienforschung entdecke ich dann auch noch unbekannte Berufe und Orte

5 verblüffende Geheimnisse aus der Geschichte von Bergeijk

1. Einleitung: Wenn die Vergangenheit lebendiger ist als das Heute

Die Brabanter Kempen wirken auf den ersten Blick wie eine beschauliche, fast zeitlose Region. Wer jedoch die Oberfläche von Dörfern wie Bergeijk durchbricht, stößt auf eine Geschichte, die von globalem Unternehmertum, genialem Bauernschlau und architektonischem Eigensinn erzählt. Hier, inmitten von weiten Heideflächen und dem Duft dunkler Nadelwälder, verbanden sich lokale Traditionen mit den großen Handelsmetropolen Europas. Es ist eine Welt, in der Wanderhändler zu internationalen Tycoonen aufstiegen und einfache Bauern mit theologischem Scharfsinn gegen die Übermacht der Kirche aufbegehrten. Begleiten Sie uns auf eine Reise durch fünf Kapitel einer Geschichte, die weit über regionale Anekdoten hinausgeht und zeigt, wie viel moderne Weitsicht in der vermeintlich „guten alten Zeit“ steckte.

2. Die „Haarteuten“: Globale Perücken-Tycoone aus der Provinz

Ein faszinierendes Phänomen der Region waren die „Teuten“. Diese hochgradig organisierten Wanderhändler verließen im Frühjahr ihre Heimat, um in ganz Europa Geschäfte zu machen. Man erkannte sie oft an ihrem markanten Äußeren: Ein ledernes Wambuis (Wams), an dem kupferne Töpfe und Pfannen klapperten. Doch innerhalb dieser Gilden gab es eine klare Hierarchie: Die Hauptmänner trugen stolz kostbare silberne Knöpfe, die sie rituell von ihren Vorgängern abgekauft hatten – Symbole eines unwahrscheinlichen Reichtums in einer armen Heidelandschaft.

Während viele mit Metallwaren handelten, spezialisierten sich die „Haarteuten“ auf ein exquisites Gut: menschliches Haar. Sie kauften Frauen in ganz Europa die langen Zöpfe ab, um die florierende Perückenindustrie zu beliefern. Bonaventure Lomans aus Bergeijk war ein solcher Tycoon; er betrieb ein Depot im fernen Dresden und eine Filiale in London. Dass dieser Erfolg auch der Gemeinschaft zugutekam, zeigt ein kostbares Messbuch (Missale) von 1773, das von Hendrik und Adriaan Lommelaers der St. Petruskirche geschenkt wurde – ein prachtvolles Zeugnis des „Teuten-Kapitals“.

Nicht jeder Haarteut war jedoch ein Musterknabe. Die Geschichte von Arnold Kuyken  (dieser Arnold Kuyken ist ein Cousin meines Vorfahren Arnold Kuyken) ist ebenso von Beharrlichkeit wie von Skandalen geprägt. Im deutschen Fritzlar versuchte er jahrelang, das Bürgerrecht zu erlangen, doch sein „ergerlijke levenswandel“ (anstößiger Lebenswandel) war der Obrigkeit ein Dorn im Auge. Kuyken war dem Alkohol zugetan und hatte mit der Modistin Benedicta Diederich ein uneheliches Kind gezeugt. Erst nachdem der Bürgermeister ihn wegen übermäßigen Trinkens der Stadt verwiesen hatte, schaffte er es schließlich durch Heirat und die Behauptung, nun in Porzellan zu machen, Fuß zu fassen. Dieser Reichtum der Teuten, der sich in prächtigen Steinhäusern manifestierte, bildete einen scharfen Kontrast zum harten Überlebenskampf der Heidebauern in ihren strohgedeckten Hütten.

3. Nelis und die theologische Holzwolle-Logik

Dass der „Bauernschlau“ der Region legendär war, beweist die Geschichte von Nelis aus dem Stadtteil B. Als der örtliche Pfarrer ihn rügte, weil er am Freitag verbotenerweise Fleisch gegessen hatte, entgegnete Nelis trocken, es sei ja nur Hackfleisch (gehakt) gewesen. Der Geistliche blieb unerbittlich: Fleisch sei Fleisch, egal in welcher Form.

Die Revanche ließ nicht lange auf sich warten. Nelis versprach dem Pfarrer eine Karre Brennholz für den Winter. Doch statt der Scheite lieferte er eine Ladung Sägemehl und Hobelspäne. Als der Pfarrer empört fragte, ob Nelis den Verstand verloren habe, antwortete der Bauer mit entwaffnender Logik:

„Ja meneer pastoor, zaagsel is toch ook hout, net zo goed ès gehakt vlees is,“ zei Nelis. („Ja, Herr Pfarrer, Sägemehl ist doch auch Holz, genau so wie Hackfleisch Fleisch ist.“)

Die Anekdote illustriert perfekt die Dynamik jener Zeit: Man respektierte den Klerus, ließ sich aber den eigenen gesunden Menschenverstand nicht nehmen – eine Form des humorvollen Widerstands gegen die Bevormundung.

4. Der steinerne Trotz gegen den Zeitgeist

Inmitten von Bergeijk steht ein architektonisches Mahnmal gegen die Moderne: die Marienkapelle von 1934. Errichtet vom „Brabantse Studentengilde“, war der Bau ein bewusster Protest gegen den Einfluss der „Amsterdamse School“ und die flüchtige Modekunst, die aus dem Norden einsickerte.

Der junge Architekt Jo Bedaux, der später mit monumentalen Bauten Weltruf erlangte, wollte hier das „Gute Alte“ manifestieren. Er sah in seinem Entwurf ein:

„.. zogenaamde moderne, tegen de ontaarding van ons volk door de modekunst en rommel die van alle kant komt binnendringen. Wij zullen trachten te behouden het goede oude.“ („.. sogenannte Moderne, gegen die Entartung unseres Volkes durch die Modekunst und den Plunder, der von allen Seiten eindringt. Wir werden versuchen, das gute Alte zu bewahren.“)

Die Kapelle wurde zu einem Symbol des dörflichen Zusammenhalts. Als sie 1957 restauriert werden musste, sammelte die gesamte Gemeinde. Bemerkenswert war die Spende eines nicht-katholischen Einwohners, der spontan 50 Gulden – damals ein kleines Vermögen – in die Kollekte gab. Es war ein Sieg der Gemeinschaft über konfessionelle Grenzen hinweg.

5. Die vergessenen Pioniere: Jüdische Integration im 18. Jahrhundert

Die Geschichte Bergeijks ist auch eine der Toleranz. Während Städte wie Eindhoven jüdischen Bürgern den Zuzug durch horrende Kautionen von 300 Gulden erschwerten, wurden die Dörfer der Kempen zu einem sicheren Hafen. Hier siedelten sich vor allem aschkenasische Juden aus Osteuropa an, die im Gegensatz zu den wohlhabenden Sephardim oft mittellos begannen.

Ein leuchtendes Beispiel ist Jacob Benjamin Wiener, der 1750 im fernen Wien geboren wurde. Er ließ sich als Lumpenhändler (oudekleren-koopman) in Bergeijk nieder und handelte zudem mit Tierfellen und Garnen. Wiener war ein Netzwerker seiner Zeit; er kaufte gemeinsam mit Partnern Grundstücke für den jüdischen Friedhof in Eersel, der heute noch als stilles Zeugnis im Wald liegt. Der soziale Aufstieg gelang: Seine Söhne Manus und Joseph wurden geschätzte Kleidermacher (kleermaker) und zeigten, wie aus einem Lumpenhändler ein integrierter Teil der lokalen Gesellschaft wurde.

6. Das Gesetz der „Kafzakken“: Eine Welt ohne Abfall

Lange vor dem heutigen Nachhaltigkeits-Trend lebte man in den Kempen eine perfekte Kreislaufwirtschaft. Die Erinnerungen von Opa Jan Bogers verdeutlichen, dass das Wort „Abfall“ faktisch nicht existierte. Nichts wurde weggeworfen.

Besonders effizient war die Getreideverwertung:

  • Dreschen: Nach der Ernte mit der Sichel wurde das Korn mühsam mit dem Flegel (dorsvlegel) auf dem Tenne-Boden geklopft.
  • Trennung: Die Windmühle trennte die Körner vom „Kaf“ (Spreu).
  • Kafzakken: Die weiche Spreu wurde in Laken eingenäht und ergab die berühmten, komfortablen Matratzen – die „Kafzakken“.
  • Bauwesen & Einstreu: Das lange, glatte Stroh wurde als „Walm“ für die Eindeckung der Dächer genutzt. Um die Hohlräume unter den Dachpfannen gegen Wind und Wetter zu dichten, drehte man kleine Strohbündel, die sogenannten „Poppen“. Der Rest wurde als Einstreu für das Vieh verwendet.

Das ethische Credo war unumstößlich: „Niets, maar dan ook niets werd weggegooid!“ (Nichts, aber auch gar nichts wurde weggeworfen).

7. Fazit: Ein Blick zurück in die Zukunft

Die Geschichte von Bergeijk ist ein Mosaik aus mutigem globalen Unternehmertum, wie es die Teuten mit ihren silbernen Knöpfen verkörperten, und einer tief verwurzelten Bodenständigkeit. Ob es der listige Nelis mit seinem Sägemehl war oder die Architektur von Jo Bedaux – stets ging es darum, die eigene Identität gegen äußere Widerstände zu bewahren.

In unserer heutigen Wegwerfgesellschaft wirkt die kreative Sparsamkeit der alten Bergeijker fast wie eine Prophezeiung. Können wir von ihrer Genügsamkeit und ihrem Sinn für das Wesentliche lernen? Die Vergangenheit von Bergeijk zeigt uns jedenfalls, dass Fortschritt nicht immer bedeutet, alles Alte hinter sich zu lassen – manchmal liegt die Innovation gerade in der Bewahrung des „Guten Alten“.

 

 

 



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