Drei Generationen standen an der Kurbel

Ein Artikel aus der ASEAG-Zeitung „die Plattform“ – der ältere Peter Egener ist mein Uropa und Leo Egener ist mein Opa.

Leider habe ich nur eine ziemlich schlechte Kopie von diesem Artikel. Bei der ASEAG habe ich schon 2x angefragt, aber leider hat sich das ASEAG-Archiv nicht zurück gemeldet.

Wenn jemand noch eine Ausgabe dieser Zeitung hat, wäre ich für einen Scan oder Fotos von dem Artikel sehr dankbar.

Die „Straßenbahner-Familie“ EGENER

DREI GENERATIONEN standen an der Kurbel

Straßenbahner haben Korpsgeist, so sagt man nicht zu Unrecht. Sie fühlen sich als Betriebs-Familie. Der oft schwere Dienst im öffentlichen Verkehr verbindet sie. Der Dienst, ihre tägliche Arbeit ist vielen von ihnen mehr als nur ein Job. Er ist Beruf im besten Sinne des Wortes. So kommt es, daß wir in unserem Betrieb manche „Straßenbahner-Familie“ haben, Familien, in denen die Söhne dieselbe Uniform tragen wie der Vater oder gar der Großvater. Familien, in denen der Beruf sozusagen vererbt wurde. Die Familie Egener soll hier stellvertretend für andere, ähnliche Fälle genannt werden. Drei Generationen trugen die gleiche Uniform, fünf Betriebsangehörige mit dem Familiennamen Egener brachten es auf bisher insgesamt 125 Dienstjahre bei der Aachener Straßenbahn.

Es begann damit, daß sich im Jahre 1900 der 25jährige Peter Egener für den Fahrdienst meldete. 38 Jahre lang stand er an der Kurbel, und als er 1953 starb, hatten nicht nur drei seiner vier Söhne denselben Beruf ergriffen, sondern auch ein Enkel vier Jahre Fahrdienst bereits hinter sich. Peter Egener war mit ganzem Herzen Fahrer, er war stolz auf seinen Beruf. Und doch wollte er nicht, daß einer seiner Jungen seinem Beispiel folgt. Die unregelmäßige Dienstzeit, die Sonntags- und Feiertagsdienste — das war wohl, wie sich heute sein Sohn Leo erinnerte, der Grund für diese Haltung.

Leo Egener: „Wir Kinder haben Vater eigentlich gar nicht richtig gekannt.“

Josef Egener fing dennoch 1919 als Vierzehnjähriger bei der Straßenbahn an, und zwar als Lehrling in der Werkstatt. Der Vater hatte nichts dagegen, daß der Junge ein Handwerk erlernt. Als der Lehrling aber flügge war, stand er unversehens an der Kurbel. Dieses Beispiel ließ die drei Jahre älteren Leo (geb. 1902) nicht ruhen. Er hatte Schuhmacher gelernt, war aber inzwischen bei der Schermesser-Fabrik Heusch tätig. „Das war mir alles zu eng, ich mußte heraus. ‚Ich wollte Straßenbahn fahren’“, sagte Leo Egener. 1924 meldete er sich für den Fahrdienst. Der dritte Egener wurde angenommen. Inzwischen war der Vater stolz auf seine Söhne. Er wußte allerdings nicht, daß auch der dritte, der im Jahre 1914 geborene Johannes, das — wie Leo Egener heute sagt — „Fahren im Blut“ hat. 1939, ein Jahr nach des Vaters Pensionierung, trat er ein, wurde Straßenbahn-, Obus- und Busfahrer und fährt heute auf der Linie 12.

Der älteste Egener-Sohn Josef ist leider früh verstorben. Im Jahr 1930 erlag er einer Krankheit. Leo Egener dagegen stand fast 28 Jahre auf dem Führerstand einer Straßenbahn und war danach noch ein Jahrzehnt im Innendienst tätig, bevor er vor einem Jahr aus Gesundheitsgründen vorzeitig in Pension gehen mußte. Vorher aber hatte er dafür gesorgt, daß die Egener-Tradition bei der ASEAG nicht abreißt. Einer seiner vier Söhne, der 1925 geborene Peter, hatte bei Talbot Spritzlackierer gelernt. Als er 1948 aus Gefangenschaft heimkehrte, konnte er wegen einer Handverletzung seinen erlernten Beruf nicht mehr ausüben. Der vierte Egener meldete sich auf dem Personalbüro. Wenig später fuhr er auch oft auf der selben Strecke wie sein Vater Leo. Wenn sich ihre Straßenbahnzüge auf der Strecke begegneten, winkte Leo Egener seinem Sohn Peter zu, so wie er früher seinem Vater Peter Egener ein Zeichen familiärer und beruflicher Verbundenheit gegeben hatte.

Heute hält Johannes Egener allein die Fahrer-Tradition der Familie hoch, da inzwischen Peter, der Vertreter der dritten Generation, aus Gesundheitsgründen den Fahrdienst quittieren mußte. Er ist heute in der Lohnbuchhaltung tätig.

Als Großvater Egener seinen Dienst bei der Straßenbahn antrat, hatten wir, wie heute gern gesagt wird, „die gute alte Zeit“. Ob sie wirklich so gut war, wie es ihr der Volksmund andichtet, muß bezweifelt werden, wenn wir uns dessen erinnern, was Wilhelm Hergarten, der älteste noch lebende Pensionär der ASEAG, erzählte, als er am 21. Mai 1963 sein 97. Lebensjahr vollendete. In der Zeit um die Jahrhundertwende wurde, wie Hergarten sagte, zwölf Stunden täglich gefahren. Manchmal waren es auch 14. Pro Schicht verdiente der Schaffner 2,70 Mark, der Fahrer 5 Groschen mehr. Alle 14 Tage gab es nur einen freien Tag. Von 1898 bis 1923, also genau 25 Jahre, hatte Hergarten nur an drei Sonntagen frei gehabt, nämlich an den Sonntagen, an denen seine Kinder zur Erstkommunion gingen. Dafür ging es natürlich geruhsamer zu. An den Endstationen gab es „Überlagerungszeiten“, zehn Minuten, oft auch 20. Fahrer und Schaffner saßen im Wagen, frühstückten, lasen die Zeitung und rauchten gemütlich ihre Pfeife. Man kannte keine Hetze, keine Verkehrsprobleme. Freizeitprobleme waren ebenfalls unbekannt. Dazu fehlte sowohl das Geld wie auch die Zeit. Der Beruf war zu Großvaters Zeiten, wie Enkel Peter Egener es heute formuliert, auch gleichzeitig das Hobby. Nach dem Dienst mal ein Glas Bier oder ein Schnaps, oft mit den Stammgästen der letzten Tour getrunken, war Abwechslung genug. Mitunter dehnte sich diese Abwechslung zeitlich aus. Leo Egener erinnert sich: „Wenn Vater zu spät nach Hause kam, fragte Mutter: Na, habt Ihr wieder mal keinen Strom gehabt?“ Der Strom war ausgeblieben, das war eine der beliebten Ausreden verheirateter Straßenbahner.

Den Fahrer von Heute, vor allem den Busfahrer im Ein-Mann-Betrieb, der sich im wahrsten Sinne des Wortes durch das Verkehrsgewühl kämpfen muß, für den 30 Sekunden zusätzlicher Aufenthalt schon ein großer Zeitverlust ist, mutet folgende Erinnerung Peter Egeners an seinen Großvater fast wie ein Märchen an. Der alte Egener fuhr lange Zeit den „Bergmanns-Wagen“ von Aachen nach Maria-Grube. Unterwegs stiegen die Kumpels zu, die zur Frühschicht mußten. Es waren immer dieselben Gesichter, man kannte sich. Man wußte, wer wo einstieg. Wenn zum Beispiel in Weiden eine Gruppe Kumpels in den Wagen stieg und einer plötzlich sagte: „He, Peter, wart‘ ’nen Schlag, der Franz fehlt noch“, dann wartete man eben. Einen Schlag oder auch zwei. Meist spurtete dann ein Kumpel los und holte den „Langschläfer“, der dann halb angezogen angerannt kam. Es kam auf ein paar Minuten nicht an. Und zum Dank durften die Straßenbahner dann einen kräftigen Schluck aus der Bergmanns-Pulle nehmen, die nicht immer nur mit Kaffee gefüllt war.

Und doch dürfen solche Episoden nicht darüber hinwegtäuschen, daß man in dieser Zeit das Wort Pflichterfüllung groß schrieb. Peter Egener erinnert sich der Worte, die der stolze Großvater an seinen Enkel richtete, als dieser den Wunsch äußerte, auch die Straßenbahner-Uniform anzuziehen: „Wenn Du ein guter Fahrer werden willst, dann mußt Du immer so fahren, als ob der Wagen Dein persönliches Eigentum wäre.“

Fahrdienst in einem öffentlichen Verkehrsbetrieb war und ist kein Beruf für jedermann. Er stellt seine besonderen Anforderungen, er verlangt Pünktlichkeit und absolute Zuverlässigkeit, in der heutigen Zeit mehr denn je. Dies wiederum verbindet alleAngehörigen unseres Betriebes, in dem die Familie Egener keineswegs ein Einzelfall ist. G. H.



Ein Kommentar zu „Drei Generationen standen an der Kurbel“

  1. Super Arbeit lieber Bruder und tausend Dank für deine Mühen über die Jahrzehnte

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