von Ernst Egener

Dass mein Ur-Urgroßvater Kuyken Arnold 1839 ausgerechnet in Mittelhessen tätig war, ist kein Zufall. Die Teutenliste der Heemkundekring Bergeijk belegt, dass Bergeijker Haarteuten diese Region seit mindestens dem frühen 18. Jahrhundert kannten: Ein Eberardus Kuijken(in der Liste als „Geicken = Kuijken“ geführt) starb bereits 1757 in Ohmes bei Amöneburg – nur 30 km von Fritzlar entfernt. Die hessische Handelsroute der Familie Kuijken war also schon etabliert, bevor Kuijken Arnoldus 1747 überhaupt geboren wurde. Feste Kontakte, bewährte Herbergen, bekannte Abnehmer – das alles wurde von Generation zu Generation weitergegeben, still und zuverlässig, wie der samtene Rucksack selbst.
weil es in vielen Generationen Arnold und Arnoldina gab, habe ich die das Jahr der Geburt zur Unterscheidung angehängt
Die Kempen: Eine arme Landschaft mit einem globalen Geheimnis
Wer heute durch die Brabanter Kempen fährt, begegnet einer stillen, fast zeitlosen Heidelandschaft. Weite Heideflächen, dunkle Nadelwälder, kleine Dörfer mit Backsteinkirchen. Es ist schwer vorstellbar, dass diese beschauliche Region im 17., 18. und 19. Jahrhundert ein Zentrum des europäischen Fernhandels war – und dass von hier aus Händler aufbrachen, deren Geschäftsbeziehungen von Dänemark bis Amerika reichten.
Die Männer, die das möglich machten, hießen Teuten.
Wer waren die Teuten?
Teuten waren reisende Kaufleute aus den Kempendörfern beiderseits der heutigen niederländisch-belgischen Grenze. Ihr Handwerk war alt: Bereits um 1600 begannen die ersten dieser ambulanten Händler, ihre Heimatdörfer im Frühjahr zu verlassen, um monatelang durch Deutschland, Dänemark und schließlich ganz Europa zu ziehen. Gegen den Winter kehrten sie zurück – mit Geld in der Tasche und Geschichten aus fernen Städten.
Die wichtigsten Teutendörfer lagen in einem engen Radius: Bergeijk, Luyksgestel, Lommel, Hamont, Eersel, Leende. Es war kein Zufall, dass gerade diese Region solche Händler hervorbrachte. Die Böden der Kempen waren karg, die Landwirtschaft kaum mehr als Subsistenz. Wer Wohlstand wollte, musste ihn anderswo suchen.
Und das taten die Teuten – mit bemerkenswertem Erfolg. Siehe auch Teuten_Bergeijk_Hintergrund.
Organisation und Disziplin: Die Compagnien
Was die Teuten von einfachen Wanderhändlern unterschied, war ihre straffe Organisation. Sie schlossen sich zu sogenannten Compagnien zusammen – Handelsgesellschaften mit festen Regeln, gemeinsamen Routen und geteilten Lagern. Innerhalb der Compagnie herrschte eiserne Disziplin:
- Gehandelt wurde stets zu zweit, nie allein
- Übernachtet wurde ausschließlich in festen, vereinbarten Herbergen
- Trunkenheit wurde mit Stockschlägen bestraft
- Besondere Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung waren während der Handelszeit verboten – und damit auch das Heiraten
Dieses letzte Verbot hatte weitreichende Folgen für das Familienleben der Teuten. Wer jahrelang unterwegs war und nicht heiraten durfte, tat es oft erst spät – und dann deutlich älter als seine Braut. Diese charakteristischen Ehen, bei denen der Mann die Frau um viele Jahre überragte, nannte man im Volksmund schlicht „Teutenheiraten“.
Die Hauptmänner der Compagnien trugen als äußeres Zeichen ihres Ranges kostbare silberne Knöpfe auf ihrem ledernden Wambuis – Symbole eines Reichtums, der in der armen Heidelandschaft wie aus einer anderen Welt wirkte.
Was handelten die Teuten?
Die Handelswaren der Teuten variierten je nach Herkunftsdorf und Spezialisierung:
- Die Luyksgesteler waren als Koperteuten bekannt: Sie handelten mit Kupferwaren, Töpfen und Pfannen und hatten in Dänemark zeitweise sogar das königliche Monopol auf den Kupferhandel.
- Die Lommeler spezialisierten sich auf Textilien.
- Die Bergeijker aber hatten eine ganz besondere Ware: Menschenhaar.
Die Haarteuten aus Bergeijk kauften Frauen und Mädchen in ganz Europa die langen Zöpfe ab – gegen Bargeld oder gegen begehrte Tauschware wie Trachtentücher, Galanteriewaren oder Haushaltsartikel. Das gesammelte Haar verkauften sie an Perückenmacher und Manufakturen weiter, die daraus die üppigen Perücken fertigten, die seit Ludwig XIV. von Frankreich ganz Europa in Mode gekommen waren. Wer zu Würde und Stand gehören wollte – Fürsten, Magistraten, hohe Geistliche, adlige Damen – trug eine Perücke. Und für deren Rohstoff sorgten zu einem guten Teil die Haarteuten aus Bergeijk.
Das Geschäft war lukrativ. Manche Bergeijker Teutenfamilien stiegen zu regelrechten Handelsimperien auf. Bonaventure Lomans etwa unterhielt ein Depot im fernen Dresden und eine Filiale in London. Ihre Häuser in Bergeijk zeugen noch heute von diesem Reichtum – feine Steinhäuser, die in scharfem Kontrast zu den strohgedeckten Plaggenhutten der Heidebauern standen.
Die Kuykens: Eine Teutenfamilie über Generationen
In diesem Milieu verwurzelt war die Familie Kuijken aus Bergeijk – meine Vorfahren väterlicherseits Arnold Kuyken 1839 war der Opa meiner Oma. Ihr Stammbaum lässt sich über mehrere Generationen rekonstruieren, und das Bild, das sich dabei ergibt, ist das einer Familie, die über Jahrzehnte eng mit dem Teutenwesen verbunden war.
Kuijken Arnoldus 1747: Der Teut
Die älteste gesicherte Generation ist Arnoldus Petrus Cuijcken, getauft am 18. Oktober 1747 in Bergeijk. In den Quellen wird er ausdrücklich als Koopman (Teut) geführt. Er heiratete am 26. Januar 1772 Anna Maria Corstiaens, und aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Er starb am 15. Februar 1806 – nicht, wie frühere Sekundärquellen fälschlich angaben, 1811, sondern belegt durch das Kirchenbuch Bergeijk (DTB, Inv.Nr. 3.6, Folio 37).
Arnoldus verkörpert den klassischen Bergeijker Haarteuten seiner Zeit: Er gehörte zu jenen Männern, die im Frühjahr aufbrachen und die Handelsrouten Nordwesteuropas abgrasten. Dass er wohlhabend genug war, ein stattliches Haus zu unterhalten und sieben Kinder großzuziehen, war kein Zufall – der Haarhandel blühte.
Kuijken Arnoldus 1773: Der Bauer und Kaufmann
Sein Sohn Arnoldus Kuijken 1773, geboren am 19. September 1773 in Bergeijk, trug den Berufstitel bouwman en koopman – Bauer und Kaufmann. Das ist bezeichnend: Die wohlhabenden Teutenfamilien besaßen Land, das sie bewirtschafteten, und trieben gleichzeitig Handel. Ob er selbst noch als Teut unterwegs war oder das kaufmännische Erbe anders fortführte, ist nicht belegt. Er heiratete 1807 Maria Catharina van Gerwen und starb am 4. Juli 1853 in Weebosch.
Kuijken Christiaan 1788: Der Bauer
Ein Bruder des Kuijken Arnoldus 1747 war Christiaan Kuijken, getauft am 16. Juli 1788 in Bergeijk. Er war Landbouwer – Bauer, kein Kaufmann mehr. Mit ihm scheint die Teutentradition in diesem Familienzweig zunächst zu ruhen. Er heiratete 1817 Adriana Schellens und hatte sieben Kinder. Sein fünfter Sohn aber sollte das Teutenerbe wieder aufnehmen.
Kuijken Arnoldus 1829: Der Haarteut in Fritzlar
Arnoldus Kuijken 1829, geboren am 27. Juni 1829 in Bergeijk als Sohn des Kuijken Christiaan 1788, war wieder Koopman – und zwar ein Haarteut, der seine Handelstätigkeit weit nach Deutschland ausgedehnt hatte: nach Fritzlar in Hessen.
Seine Geschichte ist die eines beharrlichen Mannes, der jahrelang versuchte, das Bürgerrecht von Fritzlar zu erwerben, um die Schneiderin Benedicta Diederich heiraten zu können. Die Stadtmagistrate lehnten ab – immer wieder. Erst nachdem er nach einer Ablehnung im April 1857 mit Benedicta kurzerhand nach Bergeijk reiste und sie dort am 24. September 1857 heiratete, kehrte das Paar nach Fritzlar zurück. Arnoldus starb dort am 10. Juli 1878 im Alter von 49 Jahren.
Er ist ein Cousin meines direkten Vorfahren Kuyken Arnold 1839.
Kuyken Arnold 1839: Der letzte Haarteut – und ein Pionier
Den eindrucksvollsten Lebensweg unter allen Kuyken-Teuten hinterließ Arnold Kuyken 1839, mein Ururgroßvater, geboren am 21. Dezember 1839 in Bergeijk. In ihm verdichtet sich die ganze Geschichte dieser Handelsfamilie – und darüber hinaus.
Als Haarteut zog er durch das Hessische, besonders durch den Grund Breidenbach rund um Wallau und Biedenkopf. Die dortige Ortschronik von 1936 hat ihn für die Nachwelt festgehalten: ein großgewachsener Mann mit markanter Nase, der laut „Haare kauft!“ rief und seinen Tauschhandel mit einem samtenen Rucksack betrieb. Den Frauen schnitt er am Wirbel das Haar ab – dort, wo es am längsten und am wenigsten abgenutzt war – und bot dafür im Tausch die begehrten Wallauer Trachtentücher an: Rosentücher, Kranztücher, Wolltücher mit braunen Streifen.
Hier liegt ein bemerkenswerter innerer Widerspruch: Das Haar war zwar in Zöpfe geflochten, die jedoch am Hinterkopf zusammengebunden wurden und darauf vollständig von einer Kopfbedeckung — dem sogenannten „Stülpchen“ — bedeckt waren. Ob das Haar kurz oder lang war, ließ sich von außen also nicht ohne weiteres erkennen; nur kleine Kinder trugen ihre Zöpfe frei. Das bedeutet: Arnold konnte den Frauen das Haar am Wirbel abschneiden, ohne dass der Verlust im Alltag unmittelbar sichtbar wurde. Erst wenn die Kopfbedeckung abgenommen wurde, offenbarte sich, was geopfert worden war — ein stilles Geschäft, das die Trachtenidentität untergrub, ohne sie nach außen hin sichtbar zu beschädigen. Eine gewisse Maria Elisabetha Hainbach, im Volksmund „Korle Woase“ genannt, ließ sich dabei gleich dreimal des Kopfschmuckes berauben — so verlockend war das Angebot.
Bildhauer Ludwig Blöcher verewigte Arnold in einer Büste — genauer: in zwei Büsten mit unterschiedlichen Inschriften. Das Original in Gips befindet sich im Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf (gegründet 1908, ursprünglich Altertumsmuseum); ein Bronzeguss — möglicherweise nach diesem Gipsmodell gefertigt — steht im Heimatmuseum Wallau, das in den 1980er Jahren entstand.
Die Büste in Wallau trägt die kürzere Inschrift:
„Arnold Kuygen, Haarkäufer aus Scherpensel in Holland, der Letzte seines Berufes, welcher hauptsächlich im Grunde Breidenbach Frauenhaar gegen die zur ländlichen Tracht gehörenden Halstücher vertauschte.“
Die Büste in Biedenkopf trägt eine ausführlichere Fassung:
„Arnold Kuyken, Haarkäufer aus Scherpensel(?) in Holland, der letzte seines Berufes, welcher hauptsächlich im Grunde Breidenbach Frauenhaar gegen die zur ländlichen Frauentracht gehörigen Halstücher eintauschte. Über 40 J.(?) übte er diese Tätigkeit in hiesiger Gegend aus, war mit allen Verhältnissen vertraut, trug so aus Beruf und Neigung zur Erhaltung der Tracht bei. Er starb am 26. Dez. 1915 in Wallau und stiftete seine Büste dem Heimatmuseum.“
Die Biedenkopfer Inschrift enthält mehrere zusätzliche Informationen, die historisch bedeutsam sind: Arnold war demnach über 40 Jahre im Grunde Breidenbach tätig — eine Angabe, die allerdings mit Vorsicht zu behandeln ist. Da Arnold 1839 geboren wurde und die Ziegelei 1888 mitgründete, außerdem als Aufseher bei Philipp Holzmann & Co. gearbeitet hatte, lässt sich ein ununterbrochener Teutenhandel von über 40 Jahren zeitlich kaum unterbringen. Die runde Zahl der Inschrift dürfte eher eine großzügige Schätzung der zeitgenössischen Wahrnehmung widerspiegeln als ein präzises Datum. Er war „mit allen Verhältnissen vertraut“ — ein Hinweis auf tiefe lokale Verwurzelung trotz seiner niederländischen Herkunft. Und er trug nach Einschätzung der Zeitgenossen „aus Beruf und Neigung zur Erhaltung der Tracht bei“ — eine bemerkenswerte Formulierung, die den scheinbaren Widerspruch zwischen Haarhandel und Trachtenpflege auflöst: Indem er die begehrten Trachtentücher als Tauschmittel anbot, hielt er deren Umlauf und Gebrauch am Leben. Schließlich: Arnold stiftete seine Büste selbst dem Heimatmuseum — er war sich seiner Rolle als letzter Vertreter eines aussterbenden Berufes bewusst und wollte diese Erinnerung bewahren. Die Inschrift nennt als Sterbedatum den 26. Dezember 1915; die Sterbeurkunde belegt hingegen den 27. Dezember 1915 als korrektes Datum — die Primärquelle ist hier maßgeblich.
Der Letzte seines Berufes. Mit Arnold Kuyken endete in dieser Region eine jahrhundertealte Handelstradition.
Eine Familientragödie
Das Bild Arnolds wäre unvollständig ohne seinen Schatten. In Scherpenseel heiratete er Anna Barbara Melchers(geb. 1850), Tochter des früh verstorbenen Johann Joseph Melchers und der Maria Sophia Spiertz. Das Schicksal des frühen Verlustes, das Anna Barbaras Kindheit geprägt hatte – ihr Vater starb im Jahr ihrer Geburt –, wiederholte sich in der nächsten Generation.
Irgendwann zwischen 1874 und 1883 starb Anna Barbara. Die beiden Töchter Sophia (geb. ca. 1873) und Kuyken Therese Helene 1874 (geb. 29. Dezember 1874) wurden bei Verwandten in der Region Ubach over Worms untergebracht. Am 15. März 1883 starb Sophia im Alter von etwa zehn Jahren in Waubach – ohne erkennbare Familienangehörige an ihrer Seite.
Kuyken Therese Helene 1874 überlebte. Als sie 1899 in Aachen den Kaufmann Hermann Josef Dautzenberg heiratete, wurde ihr Vater im Standesamt als „verschollen“ eingetragen. Er war es nicht. Er lebte in Wallau, geachtet und bekannt. Warum er für seine Tochter nicht erreichbar war – oder warum man ihn für verschollen erklärte –, bleibt eine der offenen Fragen dieser Familiengeschichte.
Das Ende einer Ära
Mit Kuyken Arnold 1839 endete die Teutentradition der Familie Kuyken. Seine Tochter Kuyken Therese Helene 1874 heiratete in eine Kaufmannsfamilie ein und ließ sich in Aachen nieder. Die rastlose Mobilität ihrer Vorfahren – das Aufbrechen im Frühjahr, die langen Routen durch Europa, der samtene Rucksack voller Tauschware – gehörte einer anderen Welt an.
Doch der Geist dieser Vorfahren lebt in der Familiengeschichte weiter. Vom Teutendorf Bergeijk nach Fritzlar, von Scherpenseel nach Wallau, von Aachen nach Hamburg: Die Kuyken-Familie hat Europa stets als Arbeitsplatz und Lebensraum begriffen, lange bevor dieser Gedanke selbstverständlich wurde.
Quellen
- DTB Bergeijk, Inv.Nr. 3.4 (Taufe Arnoldus Cuijcken 1747) und Inv.Nr. 3.6, Folio 37 (Begräbnis 1806)
- DTB Bergeijk, Heiratseintrag Arnoldus Cuijcken × Anna Maria Corstiaens, 26.01.1772
- genealogieonline.nl / Stamboom Goossens-Van der Heijden und Genealogie Kuijken-Dikschei (Sekundärquellen)
- Ortschronik Wallau an der Lahn (1936), S. 447
- Büsteninschrift, Heimatmuseum Wallau (Marburg-Biedenkopf); Fotos: W. Welsch, Heimatverein Wallau
- Sterbeurkunde Sophia Kuijken, Ubach over Worms 1883, Nr. 8
- Heiratsurkunde Aachen 1899, Nr. 53; Landesarchiv NRW, PA 3102, Bd01, Bild 0110
- Kirchenbuch Biedenkopf 1915 (Sterbeeintrag Arnold Kuyken)
- De Keersopper Nr. 4 (März 2007) und Nr. 9 (Juni 2008), Heemkundekring Bergeijk
- Heemkundekring Bergeijk: www.heemkundekringbergeijk.nl
- Brabants Erfgoed: www.brabantserfgoed.nl/page/13672/teuten-in-de-kempen
- Canon van Nederland: www.canonvannederland.nl/nl/page/257645/14-teuten
- Korrespondenz mit Dr. Gerald Bamberger, Hinterländer Geschichtsverein

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