- Seit 10 Uhr vormittag ist die Broicher Straße schwarz voll Menschen. 62 Tote hat Kellersberg zu beklagen, 44 soll es heute zur letzten Ruhe geleiten. Es gibt Familien, die doppelten und dreifachen Verlust tragen, kaum eine Straßenzeile, die nicht persönliche Trauer trägt. Mein Opa Johann Brosius ist hier beigesetzt worden.
- Schon früh hat der Trauerzug in der Broicher Straße Aufstellung genommen. Menschenmassen zu beiden Seiten säumen den Weg. Fenster sind besetzt, selbst auf flachen Dächern sieht man Menschen stehen. Solche Massen hat Kellersberg noch nie gesehen, aber auch noch nie solche Trauer.
- Die Mittagsstunde ist überschritten. Bewegung kommt in die Menge. Der Zug setzt sich in Bewegung. An der Spitze die Jägerkapelle Alsdorf, dann die Kellersberger Volksschulen, eine lange Reihe zu Vieren. Weiter sieht man die Schützenbruderschaft St. Barbara, den katholischen Männerverein, den Kirchenchor Cäcilia, Jungfrauenkongregation und Mütterverein, den Kriegerverein, die Flobert-Schützengesellschaft, den Fußballklub Viktoria-Kellersberg und viele andere. Aus der Masse tauchen die Uniformen der Feuerwehr, der Polizeibeamten und der Sanitäter auf. Darauf die katholische und die evangelische Geistlichkeit. Und dann acht große, schwere Wagen, auf denen die Särge zu je fünf oder je sechs nebeneinandergereiht sind. Ein Wald von Kränzen, Bergleute in Knappentracht, Sanitätsmannschaften und Schützen geben rechts und links den Wagen das Ehrengeleit. Zwischendurch sieht man den Verein der Ost- und Westpreußen. Das Trommler- und Pfeiferkorps macht den Schluß. In stummer Ehrfurcht entbietet die Menge den Toten den letzten Gruß. 44 Särge! Niemand kann ohne innere Bewegung diese lange Reihe sehen. Und hinter ihnen die trauernden Angehörigen. Dann ganz Kellersberg. Der Leichenzug ist unübersehbar.
- Auf dem Friedhof am Südende von Kellersberg 3 ist ein großes Grabfeld aufgeworfen, das 16 Meter lang und fast sieben Meter tief ist. Busch und wellige Wiesen bieten sich im Süden dem Blick. Rückwärts sieht man Mariagrube, rechts Anna 1. Es ist 1 Uhr geworden, bis die Spitze des Trauerzuges den Friedhof erreicht. Schulkinder beginnen einen Chor. Die Kapelle intoniert „Integer vitae“. Beamte des Eschweiler Bergwerksvereins und die Vertreter der Behörden und die Geistlichkeit treten ans Grab. Schützen- und Fahnendeputationen bilden auf dem Friedhof Spalier, je fünf Knappen tragen einzeln jeden Sarg zur Grabstätte. Die Flaggen senken sich. Sanitätsmannschaften und Polizei salutieren. Hoch über der Trauerversammlung zieht ein Flieger seine Bahn.
- Pfarrektor Klinkenberg spricht die Gebete. Dann spricht er ein Wort des Trostes für die Angehörigen und die trauernde Gemeinde. Es ist unmöglich, so führte er aus, die Tränen zu schildern, die seit dem schicksalsschweren Dienstagmorgen in Kellersberg geflossen sind, nicht möglich, zu sagen, wieviel Weh und Leid in die Familien der Gemeinde Kellersberg Einzug gehalten haben, in einem Augenblick, wo eine furchtbare Naturkatastrophe mehr als sechzig Angehörigen von Kellersberg das Leben nahm. Er sprach zunächst den Angehörigen das aufrichtigste Beileid der katholischen Seelsorgegeistlichen aus, in seinem eigenen Namen und dem der Kapläne, aber auch im Namen der Geistlichen, die vorher hier gewirkt hätten, die so manchen von den Toten gut gekannt hätten. Auch Seine Eminenz, der hochwürdigste Administrator des Bistums Aachen, Kardinal Schulte, lasse sein herzlichstes Beileid aussprechen. Am Grabe pflanzen wir als katholische Christen das Kreuz auf. Es ist nicht nur das Zeichen des Opfers, in dem unser Erlöser in heiligster und treuester Pflichterfüllung sein Leben dahingegeben hat. Das Kreuz ist zugleich ein Zeichen des Triumphes und der Verklärung. Für uns gilt das Wort der Schrift: Es kommt die Stunde, da werden alle, die in den Gräbern ruhen, die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die Gutes getan haben, werden auferstehen zum ewigen Leben.
- So kommt auch einmal der Tag, an dem wir alle die Toten hier wiedersehen, der Tag, der alle Tränen abwaschen und alles Leid hinwegnehmen wird. Es ist ein wunderbarer Gedanke, den der Glaube in unser Herz legt, das Bewußtsein, wir haben sie nicht ganz verloren. Ihre Seele lebt weiter in Gottes Hut, und in Gottes Hand werden wir sie wiedersehen dereinst in der Ewigkeit.
- Namens der evangelischen Geistlichkeit sprach Pfarrer Gladischewsky aus Vorweiden. Er sprach über den Text: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus“. Diese große Katastrophe ist ein memento mori [Gedenke des Todes], aber auch ein memento vivere [Gedenke des Lebens]. In all dem schweren Leid, das wir in der Kriegszeit ertragen haben, darf der Christ nicht verzagen. Aus all dem schweren Leid, das wir gemeinsam trugen, ergeht der Ruf des Christentums an uns, daß der eine dem anderen Volksgenossen wieder treu in die Augen sehe, und daß er mithilft, die furchtbare Kluft zu überbrücken, die im Volke klafft. Und kein anderes Programm und keine andere Hilfe gibt es, als daß wir Menschen uns vom lebendigen Gott wieder berühren lassen, daß wir unsere Arbeit tun im Aufsehen zu Gott. Gedenke, daß du Mensch bist, und daß der Nächste dasselbe Licht, dieselbe Luft, dieselbe Sonne atmet wie du!
- Noch einmal senkten sich die Fahnen über den Gräbern, der Kirchenchor singt ein Lied, gedämpft klingen die Trommeln: Ich hatt’ einen Kameraden.
- Artikel aus der Lokalpresse
- so kenne ich die Gräber in Kellersberg noch als Kind


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