Das Grubenunglück von Alsdorf

21. Oktober 1930

Zum Gedenken an Johann Brosius und Karl Winter

Die Katastrophe

Am Dienstag, dem 21. Oktober 1930, ereignete sich um 7:29 Uhr auf der Schachtanlage Anna II des Eschweiler Bergwerks-Vereins in Alsdorf die zweitschwerste Bergwerkskatastrophe in der Geschichte des deutschen Steinkohlenbergbaus. Eine gewaltige Schlagwetterexplosion auf der 360-Meter-Sohle erschütterte die Grube und die gesamte Stadt Alsdorf.

Die Wucht der Explosion war von unvorstellbarer Gewalt. Aus dem Eduardschacht schoss zunächst eine mehrere Meter hohe Feuersäule in den Himmel, gefolgt von einer gewaltigen Rauchwolke. Das 36 Meter hohe stählerne Fördergerüst wurde aus seinen Betonfundamenten gerissen und stürzte um. Beim Aufschlag zertrümmerte es große Teile der Übertageanlagen – das Belegschaftsgebäude und die benachbarten Verwaltungsgebäude, in denen sich der Betriebsführer August Kleine und 11 weitere Aufsichtspersonen befanden. Die Explosion war so stark, dass in der näheren und weiteren Umgebung Alsdorfs Fenster zerbarsten, Türen eingedrückt wurden und Dächer abgedeckt wurden.

Unter Tage entwickelten sich nach der Explosion tödliche Rauchschwaden mit giftigen Gasen. Viele Bergleute, die die Explosion selbst zunächst überlebt hatten, erstickten in den folgenden Minuten an den Brandschwaden. Die Abbaubetriebe waren zwar von den unmittelbaren Explosionswirkungen verschont geblieben, doch auf der 360-Meter-Sohle entstanden bis zu 300 Meter lange Brüche, und die Hauptwetterwege wurden schwer beschädigt.

 

Das Ausmaß der Tragödie

Nach den amtlichen Feststellungen des Eschweiler Bergwerks-Vereins vom 11. Dezember 1930 starben bei der Katastrophe 271 Bergleute und Betriebsangestellte. Weitere Recherchen in den Sterbebüchern der Standesämter Alsdorf, Bardenberg und Eschweiler ergaben, dass die tatsächliche Opferzahl sogar bei 279 Menschen lag – einige Bergleute erlagen erst Tage oder Wochen später ihren schweren Verletzungen.

304 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, davon 267 unter Tage und 37 über Tage. Die Explosion verschonte niemanden – vom jungen Schlepper bis zum Betriebsführer. Die toten Bergleute hinterließen 146 Witwen, 9 Vollwaisen und 203 Halbwaisen. Unter den Opfern waren auch zwei der jüngsten Verunglückten, gerade einmal 15 Jahre alt.

Die Ursache der Katastrophe konnte trotz intensiver Untersuchungen nie vollständig geklärt werden. Experten gehen davon aus, dass es sich vermutlich um eine Schlagwetter- mit anschließender Kohlenstaubexplosion handelte. Die Untersuchung ergab, dass an der Unglücksstelle zuvor keine Schlagwetteransammlungen wahrgenommen worden waren.

Unsere Familie: Johann Brosius und Karl Winter

Unter den 279 Opfern dieser furchtbaren Katastrophe waren auch zwei Mitglieder unserer Familie: Johann Brosius und Karl Winter.

Johann Brosius, geboren am 17.3.1906, war zum Zeitpunkt des Unglücks 24 Jahre alt. Er wohnte in Kellersberg und gehörte zu den vielen jungen Bergleuten, die an jenem Morgen ihre letzte Schicht antraten. Johann war verheiratet mit Rosa, geborene Winter, und hinterließ seine junge Frau als Witwe und sein ungeborenes Kind, meine Mutter Johanna Brosius, sollte er nicht sehen können. Sein Name ist auf der Opferliste des Standesamts Alsdorf unter dem 21. Oktober 1930 verzeichnet.

Karl Winter, der Bruder von Johanns Ehefrau Rosa, war ebenfalls unter den Opfern. Der 21-jährige Bergmann aus Kellersberg arbeitete an diesem verhängnisvollen Tag gemeinsam mit seinem Schwager auf der Grube. Karl Winter hinterließ seine Angehörigen in tiefer Trauer. Auch sein Name findet sich auf der offiziellen Totenliste des 21. Oktober 1930.

Die Familien Brosius und Winter wurden durch dieses Unglück auf tragische Weise getroffen. Rosa verlor innerhalb weniger Stunden sowohl ihren Ehemann Johann als auch ihren Bruder Karl. Zwei junge Männer, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten, wurden der Familie an einem einzigen Tag entrissen.

Die Beisetzung

Am 25. Oktober 1930, vier Tage nach der Katastrophe, fanden die Trauerfeierlichkeiten und Beisetzungen statt. Es war ein Tag, an dem ganz Deutschland trauerte – die Fahnen hingen auf Halbmast. Nach einer ergreifenden Trauerfeier in der Lohnhalle der Grube Anna I zog ein endloser Trauerzug durch die Straßen Alsdorfs. Etwa 150.000 bis 200.000 Menschen waren gekommen, um den toten Bergleuten die letzte Ehre zu erweisen.

Da der vorhandene Alsdorfer Friedhof zu klein war, um die 144 Alsdorfer Toten aufzunehmen, wurde auf einer Viehweide außerhalb Alsdorfs in Richtung Boscheln ein neuer Friedhof angelegt – der heutige Nordfriedhof. Dort wurden 145 Getötete in einem Gräberfeld bestattet. Weitere 62 Tote wurden auf dem Kellersberger Friedhof beigesetzt, 20 in Schaufenberg, 6 in Mariadorf, 3 in Ofden, 2 in Hoengen und 1 in Beggendorf. Andere Opfer wurden in ihren Heimatorten wie Herzogenrath, Aachen und Übach zur letzten Ruhe gebettet.

Johann Brosius und Karl Winter, beide aus Kellersberg, wurden auf dem Kellersberger Friedhof beigesetzt, wo auch viele ihrer Kameraden ihre letzte Ruhestätte fanden.

Das Gedenken

Im Jahr 1932 wurde auf dem Nordfriedhof ein eindrucksvolles Ehrenmal für die Opfer errichtet. Vier gewaltige Kreuze mit drei Reliefarbeiten sind stumme Zeugen des Unglücks. Das Denkmal steht seit 1987 unter Denkmalschutz. Auch auf anderen Friedhöfen der Stadt Alsdorf – in Kellersberg, Schaufenberg und Mariadorf – erinnern Gedenktafeln an die größte Katastrophe in der Geschichte des Aachener Kohlereviers.

Am 11. Dezember 1930 veröffentlichte der Vorstand des Eschweiler Bergwerks-Vereins einen Nachruf mit folgendem Text:

„Wir betrauern den Tod von 271 Beamten und Belegschaftsmitgliedern, welche der Katastrophe auf unserer Grube Anna II in Alsdorf am 21. Oktober ds. Js. zum Opfer fielen. Das Unglück verursachte über- und untertage Zerstörungen von solchem Umfang, dass der Stand der Aufräumungsarbeiten es uns leider erst heute ermöglicht, den Verlust an Menschenleben vollständig festzustellen. Mit ihren Angehörigen und Kameraden beklagen wir aufs tiefste den schweren Verlust der treuen Mitarbeiter, die der Tod mitten aus Arbeit und Pflichterfüllung heraus unserem Werke entrissen hat. Wir werden ihrer stets in Dankbarkeit gedenken.“

Dieser Nachruf erschien erst fast zwei Monate nach dem Unglück, da das Ausmaß der Zerstörungen eine frühere vollständige Feststellung der Verluste nicht ermöglichte.

Der Wiederaufbau

Trotz des unermesslichen Leids wurde die Grube bereits nach sechs Monaten wieder in Betrieb genommen. Die gröbsten Schäden unter und über Tage waren beseitigt, und im Mai 1931 konnte die Förderung auf der Grube Anna II wieder aufgenommen werden. Das Sozial- bzw. Kauengebäude erhielt sein heutiges Aussehen, wobei die unterschiedlichen Baustile noch heute die Folgen des Grubenunglücks erahnen lassen.

Zum Gedenken

Das Grubenunglück vom 21. Oktober 1930 war die zweitschwerste Bergwerkskatastrophe in der deutschen Bergbaugeschichte. Für Alsdorf und die umliegenden Gemeinden bedeutete es eine Zäsur – zum ersten Mal wurde der Name Alsdorf aus tragischem Anlass in der ganzen Welt bekannt.

Für unsere Familie bleibt der 21. Oktober 1930 der Tag, an dem wir Johann Brosius und Karl Winter verloren – zwei junge Männer, die ihr Leben für den Bergbau gaben. Sie waren Teil einer Bergarbeitergemeinschaft, die unter schwersten Bedingungen ihrer Arbeit nachging und deren Opfer nie vergessen werden dürfen.

Glück auf!

Manfred Thoma aus Alsdorf hat dieses Video bei Youtube veröffentlich!

Anhang: Dokumentierte Fakten

Datum des Unglücks:

Dienstag, 21. Oktober 1930, 7:29 Uhr

Ort:

Grube Anna II, Eduardschacht, 360-Meter-Sohle, Alsdorf

Opferzahlen:

271 Tote (offizielle Angabe des Eschweiler Bergwerks-Vereins vom 11.12.1930)

279 Tote (nach Recherche in den Sterbebüchern der Standesämter)

304 Verletzte (267 unter Tage, 37 über Tage)

146 Witwen, 9 Vollwaisen, 203 Halbwaisen

Unsere Familienangehörigen unter den Opfern:

Johann Brosius, 24 Jahre, wohnhaft in Kellersberg

Verheiratet mit Rosa, geb. Winter

Sterbebucheintrag: Standesamt Alsdorf, 21. Oktober 1930

Karl Winter, 21 Jahre, wohnhaft in Kellersberg

Bruder von Rosa (geb. Winter), verheiratet mit Johann Brosius

Sterbebucheintrag: Standesamt Alsdorf, 21. Oktober 1930

Trauerfeier und Beisetzung:

25. Oktober 1930, etwa 150.000-200.000 Trauergäste

Begräbnisorte:

Nordfriedhof Alsdorf: 145 Tote

Kellersberger Friedhof: 62 Tote

Schaufenberg: 20 Tote

Mariadorf: 6 Tote

Weitere Friedhöfe in Hoengen, Beggendorf und anderen Heimatorten

Quellen:

– Veronika Leisten: Zum Gedenken an die tödlich verunglückten Bergleute der Grube Anna, Alsdorf 2011

– Rudolf Bast et al.: Das Alsdorfer Grubenunglück, Heimatblätter des Landkreises Aachen 2004/5

– Standesamtsregister Alsdorf, Bardenberg und Eschweiler

– Bergbaumuseum Grube Anna, Alsdorf



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