bei der Recherche zum Grubenunglück in Alsdorf, bei welchem mein Opa Johann Brosius ums Leben kam, fand ich in einer Hamburger Zeitung diesen Bericht:
Ein Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, der in diesen Tagen
das armselige Bergwerksdorf Alsdorf bei Aachen besucht hat,
schreibt über die Eindrücke, die er dort empfing:
„…Selbst in den ärmsten Revieren Nieder-
schlesiens erinnere i ch m i ch nicht, solche Armut
gesehen zu haben. Heute füllt sie die Straßen. Verzweif-
lung über die Katastrophe, die ganze Familien vernichtet hat, und
die peinigende Unsicherheit, wer denn nun tot sei und wer noch
lebe, hat alle Einwohner aus den Häusern getrieben. Hunderte
warten vor dem verschlossenen, von Polizei gesicherten und be-
wachten Eingang der Grube Anna I, deren Förderturm, von einer
schwarzen Fahne umflattert, noch steht und arbeitet. Aber heute
bringt er Leichen zutage, nicht Kohle.
Tausende gehen wie eine Prozession über die Straßen; immer
hin und her. Da gibt es alte Männer mit großen Bärten, in
merkwürdige Mäntel gehüllt, die wie Hirten aussehen; aber es
sind Pensionierte, denen 60M im Monat nicht zu neuen
Kleidern langen. Die Frauen sind verwittert und verbraucht, die
Mädchen blaß, in knallige Fähnchen gekleidet, mit unförmigen
Beinen. Die Männer gehen herum, in schlechtem Schuhzeug,
mit bitterlich dünnen Anzügen, den Kragen hochgeschlagen, ohne
Mantel, und es ist kalt. Ein süßlicher Geruch, wie verdünntes
Leuchtgas, hängt in den Straßen. Es gibt eine Radierung:
„Streik“, da stehen die Frauen die Gasse herunter in den engen
Haustüren mit verheulten Augen, und die Männer gehen herum,
den Bauch eingezogen und den Blick gesenkt. So ist Alsdorf. Aber
hier haben nicht die Arbeiter gestreikt, sondern die Grube hat mit
einem Schlag ein Ende gemacht. Fast vor jedem Haus steht eine
weinende Frau, und man sieht kleine Kinder, die sie zu trösten
versuchen. Auf den Plätzen parken Kolonnen von Autos.
Der Strom der Neugierigen fließt immer noch. ES hat mir sehr
mißfallen zu sehen, wie rücksichtslos und laut hupend Autos alle
Augenblicke in vollem Tempo durch die Straßen fuhren.“
Aber es ist nicht etwa nur der sensationsgierige Schau-
pöbel, der sich in diesen lärmenden Autos breitmacht und
damit seine frivole Gesinnung angesichts des tiefsten
Menschenleides bekundet; es sind auch die Bergwerks-
dircktoren und die hohen Aufsichtsbeamten der Regierung
selbst, die anscheinend keiner Spur einer menschlichen Regung
vor den Opfern der Katastrophe fähig sind. In dem an-
geführten Bericht heißt es weiter:
„Ununterbrochen fahren Automobile der Regierung
vorüber. Aber die Automobile, auf die man die Arbeiter ver-
geblich aufmerksam macht, fahren vorüber. Niemand
dreht auch nur seinen Kops nach ihnen um, und auch ich muß
sagen, diese Autos fahren immer zur Grube und durch das Dort
hindurch, als litte die Grube Not und nicht Alsdorf. In den
Zeitungen steht, daß die Regierung Geld spende. Aber Mit-
gefühl kann man nicht nachlesen, man muß es spüren, damit eS
tröste. Es ist schlimm, daß wir Zeilungsleser Alsdorf so viel
rascher vergessen werden als die Witwen von Alsdorf ihre
Männer. Und der Berichterstatter kann seine Niederschrift nicht
schließen, ohne zu bemerken, daß die Katastrophe von Alsdorf
nur wie ein Brand gewesen ist, der die unheimliche Dunkelheit,
die über so vielen Bezirken Deutschlands liegt, auf einen Augen-
blick erhellte. Die Explosion von Alsdorf ist vorübergegangen.
Alsdorf wird bleiben. Es ist die Frage, wie es bleiben
wird.“
Und wir sagen: nicht um Alsdorf allein, um alle Dörfer
und Städte, in denen das Bergarbeiterelend haust, muß die
gleiche Frage gestellt werden. Die Ausbeutung und die
Mißachtung der menschlichen Arbeitskraft hat hier Formen
angenommen, die ein einziger himmelschreiender Hohn auf
das Zeitalter der Sozialpolitik ist. Immer nochdbauert die
Arbeitsschicht in diesen mörderischen Kohlengruben acht
Stunden, obwohl sechs Stunden schon mehr als genug wären.
Immer noch beträgt der Tagelohn des Kohlenhauers 6 bis
7 M, wovon noch die Beiträge für Versicherungen und
Steuern abgehen. Immer noch bleibt dem Proletarier im
Kohlenrevier nur die Wahl zwischen der Todesgefahr im
Schacht und dem Elend der Erwerbslosigkeit.
Mag man die Todesopfer der Bergwerkskalastrophen
mit noch so viel feierlichem Pomp zu Grabe tragen: man wird
die Anklagen nicht mehr zum Verstummen bringen, die von
den Massengräbern ausgehen. Sie klagen ein Wirtschafts-
system und eine soziale Unordnung an, die menschenunwürdig
geworden sind.
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