Die Webertradition in Burtscheid und AachenLebens- und Arbeitswelt unserer Vorfahren
Einleitung: Eine prägende Wirtschaftstradition
Über drei Jahrhunderte hinweg dominierte die Wolltuchherstellung das Wirtschaftsleben in unserer Region wie kaum eine andere Branche. Tausende von Menschen – darunter auch unsere Vorfahren aus den Familien Egener und Dautzenberg – arbeiteten bereits seit dem 18. Jahrhundert für die global agierenden Tuchverleger. Die Wolltuche aus Aachen, Burtscheid, Monschau, Verviers, Euskirchen, Eupen oder Vaals erlangten weltweite Bekanntheit. Armeen aus aller Welt kämpften in Uniformtuchen aus dieser Region. Dies ist die Geschichte einer bedeutenden Branche, die das Leben unserer Vorfahren maßgeblich prägte.
Die Anfänge: Häusliche Textilproduktion als Überlebensgrundlage
Schon seit jeher produzierte die ländliche Bevölkerung der Region in häuslicher Arbeit aus Flachs und Wolle fast die gesamte Kleidung und die Textilien für den Alltagsbedarf. Der Werktagsanzug bestand in der Eifel aus handgesponnener, gewalkter, schwerer, aber nahezu regendichter Wolle. Eine besondere regionale Spezialität war Tirtey, ein einfacher Stoff aus Leinen und Wolle für Röcke, Hosen und Kleider. Sogar Unterröcke wurden aus Wolle hergestellt.
Für die häusliche Textilherstellung wurden die Rohstoffe verwendet, die in der ländlichen Umgebung zur Verfügung standen: Flachs und – vor allem in der Eifel – die Wolle aus der lokalen Schafhaltung. Der Webstuhl stand im Winter im Haus oder der Tenne und wurde im Sommer auseinandergebaut und auf dem Speicher gelagert. Fast jede Familie in unserer Region konnte weben und spinnen – eine Fertigkeit, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde und zweifellos auch in unseren Familien gepflegt wurde.
Das Zunftwesen: Qualität und Beschränkung
Neben der häuslichen Produktion entwickelte sich eine hauptberufliche Herstellung von groben Wolltüchern für überregionale Märkte aus heimischer Wolle. Diese Produktion unterlag den strengen Regeln der örtlichen Handwerkszünfte. Die Zünfte sorgten für einen gewissen Qualitätsstandard, beschränkten aber auch die Zahl der Webstühle und des Personals, um für alle Meister ein Auskommen zu sichern.
Diese handwerkliche Produktion gewann vor allem in Aachen und Münstereifel große regionale Bedeutung. Die Markenware „Aachener Tuch“ war weithin bekannt und wurde in ganz Europa vertrieben. Die Münstereifeler Weber verkauften ihre Ware auf dem eigenen Markt, aber auch in Köln. Die Monschauer Grobtuche wurden durch Hausierer in der Umgegend angeboten und verkauft.
Der entscheidende Wandel: Burtscheid als Zentrum der Innovation
Als 1698 in Aachen die Forderung aufkam, entgegen den engen Zunftbestimmungen größere Betriebe zuzulassen, protestierten die Scherer mit der Befürchtung, dass in diesem Falle bald „wenige die ganze Arbeit und alle Knechte an sich zögen“. Diese Befürchtung erwies sich als berechtigt – aber nicht in Aachen selbst.
Dort blieb man bei den alten Bestimmungen, was viele aufstrebende Tuchfabrikanten im 18. Jahrhundert verprellte und dazu bewog, ihre Firmensitze in Nachbarorte ohne Zunftzwang zu verlegen. Burtscheid wurde zu einem dieser bevorzugten Standorte, gemeinsam mit Monschau, Imgenbroich, Stolberg, Eupen, Vaals und Verviers. Gänzlich unbeschränkt konnte sich dort die Feintuchproduktion für größere Märkte entwickeln, die den Aachener Handwerkern bald schwer zu schaffen machte.
Das Verlagssystem: Eine neue Arbeitswelt entsteht
Als die Feintuchhersteller begannen, besonders feine Wolle aus Spanien zu importieren und diese zu fast seidenartigen Tuchen zu verarbeiten, entwickelte sich eine neue Wirtschaftsstruktur, die bald die ganze Region prägen sollte. Die Tuchverleger beschafften die Wolle, gaben aber die Arbeit des Spinnens und Webens an Heimarbeiter in der Eifel und im Limburger Land ab.
Für die arme Landbevölkerung in der Eifel und im Limburger Land war dies ein Segen, da sie im Winter, in dem es sonst kaum etwas zu verdienen gab, sich mit der geldbringenden Tuchherstellung beschäftigen konnte. Statt Flachs oder grober Eifelwolle hatten die Weber jetzt feine spanische Merinowolle nach genauen Angaben der Verleger zu verarbeiten.
Arbeits- und Lebensbedingungen der Weberfamilien
Die Arbeitsbedingungen in den kleinen Bauernstuben waren alles andere als ideal. Die großen Webstühle, die bis an die niedrige Decke reichten, beanspruchten mit einem Raumbedarf von bis zu vier Quadratmetern mehr Platz als das Ehebett und benötigten zudem den besten Platz am Fenster für ausreichend Licht.
Die Arbeitsteilung in den Weberfamilien war klar geregelt: Häufig webte der Mann, die Frauen sponnen und richteten die Kette ein, und die Kinder spulten. Diese Familienarbeit war existenziell wichtig, denn nur durch die Mitarbeit aller Familienmitglieder konnte ein ausreichendes Einkommen erzielt werden.
Die Veredelung: Kunst und Wissenschaft des Tuchfinishs
Das gewebte Tuch kam anschließend zurück zum Verleger, der die Ware prüfte, im Stück bezahlte, eventuelle Fehler ausbessern ließ und die enorm wichtige Appretur unter seiner Aufsicht durchführen ließ. Die Appretur – die Schlussbehandlung des Tuches – entschied über Feinheit, Griff und Erscheinungsbild des fertigen Produkts.
Zur Appretur gehörten das Walken in speziellen Walkmühlen, das Pressen, Aufrauhen und anschließende Scheren des Tuches. Vor allem das gefühlvolle Scheren mit riesigen, schweren Scheren spielte eine zentrale Rolle. Einige Tuchmacher beschäftigten allein 50 bis 100 Scherer, die als hochqualifizierte Fachkräfte zum Teil von weither angeworben wurden und in Monschau und Eupen eine eigene soziale Gruppe selbstbewusster Lohnarbeiter bildeten.
Burtscheid im Zentrum der Textilwirtschaft
Burtscheid entwickelte sich zu einem der wichtigsten Zentren dieser Tuchmanufaktur, gemeinsam mit Vaals, Eupen und Monschau. Die Eupener Tuchmacher konnten mit ihren Produkten in ganz Europa, Russland, in der Levante und in Ostindien Erfolge feiern und beschäftigten im Jahr 1764 bereits 5.070 Arbeiter und um 1812 sogar 6.000 Arbeiter.
Johann Heinrich Scheibler aus Monschau wies Anfang der 1760er Jahre selbstbewusst darauf hin, dass „alleinig von meiner Farbrique beständig mehr als 4000 Menschen“ ernährt werden. Er ergänzte nicht ganz unbescheiden: „Wahrlich ein erwünschtes Etablissement in einem Lande, wie das kalt und unfruchtbare Monjoy, wo von dem garnicht beträchtlichen Ackerbau die wenigsten Menschen sich ernähren können und wo in Vorzeiten so starker Geldmangel war, als jetzo davon Überfluss darinnen zu finden ist, auch jedweder Mensch, welcher ohne die Fabriquen den Bettelgang pflegen müsste, ja schon fünf- und sechsjährige Kinder von der allerlei Fabriquearbeiten sich wohl zu ernähren vermögen.“
Innovation und Weltmarkt: Die Erfolgsgeschichte der regionalen Tuchmacher
Die Tuchmacher rund um Aachen und Burtscheid entwickelten neue Muster und Techniken, um neue, überregionale Märkte zu erobern, und hatten damit großen Erfolg. Johann Heinrich Scheibler begann beispielsweise, die Wolle bereits vor der weiteren Verarbeitung zu färben und sie anschließend zu verschiedenartig gemusterten Stoffen mit leuchtenden, fast grellen Farben verarbeiten zu lassen, die sogar dem Geschmack anspruchsvoller Haremsdamen genügen konnten.
Bei der Färbung, die eine zentrale Rolle spielte, kam den Produzenten das sehr kalkarme Wasser der Rur entgegen, das wunderbar strahlende Farben ermöglichte. So entwickelte sich in unserer Region auf der Basis reiner Handarbeit, der Manufaktur und der Heimarbeit eine – was Rohstoffe und Absatzmärkte betraf – wahrhaft global agierende Branche.
Soziale Struktur und Arbeitsorganisation
Die Textilproduktion in Burtscheid und Aachen war stark hierarchisch organisiert. An der Spitze standen die Tuchverleger und Fabrikanten, die das Kapital bereitstellten und die Märkte erschlossen. Darunter befanden sich die verschiedenen Fachkräfte: Weber, Spinner, Färber, Walkmüller und Scherer. Am unteren Ende der sozialen Leiter standen die Heimarbeiter in den ländlichen Gebieten.
Frauen spielten eine wichtige Rolle in der Textilproduktion. Sie arbeiteten als Spinnerinnen, Zwirnerinnen, Kettenschererinnen und Stöpferinnen. Letztere reparierten Webfehler – eine Tätigkeit, die großes Geschick und Erfahrung erforderte. Auch Kinder wurden schon früh in die Arbeitsprozesse einbezogen, zunächst mit einfachen Tätigkeiten wie dem Spulen.
Das Erbe: Architektonische Zeugnisse des Wohlstands
Die herausragenden, repräsentativen, fast schlossartig anmutenden Firmenzentralen in Monschau, Eupen, Vaals und auch die prächtigen Tuchmacherhäuser in Burtscheid künden bis heute von der außergewöhnlichen wirtschaftlichen Bedeutung der vorindustriellen Tuchherstellung und dem Wohlstand der Tuchfabrikanten.
Es ist bemerkenswert, dass einige dieser Gebäude heute wieder repräsentativen Charakter haben – etwa als Sitz der Regierung der deutsch-belgischen Gemeinschaft in Eupen oder als Rathaus in Vaals. In Burtscheid selbst zeugen noch heute verschiedene historische Gebäude von der einstigen Blüte der Textilindustrie.
Bedeutung für die Familiengeschichte
Für die Familien Egener und Dautzenberg bedeutete die Arbeit in der Textilindustrie mehr als nur Broterwerb. Sie war Teil einer jahrhundertealten Tradition, die technisches Können, Geschicklichkeit und Ausdauer erforderte. Die Weber und ihre Familien waren Träger einer Kultur, die sowohl handwerkliche Fertigkeiten als auch kaufmännisches Denken vereinte.
Die Textilindustrie prägte nicht nur die Wirtschaftsstruktur der Region, sondern auch das soziale und kulturelle Leben. Die Arbeit in den Weberstuben, die saisonalen Rhythmen der Produktion und die enge Verbindung zwischen Stadt und Land durch das Verlagssystem schufen ein charakteristisches Lebensmuster, das Generationen von Familien bestimmte.
Epilog: Das Ende einer Ära
Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der Mechanisierung der Textilproduktion im 19. Jahrhundert veränderte sich diese Arbeitswelt grundlegend. Viele der traditionellen Weberfamilien mussten sich neue Betätigungsfelder suchen oder in die entstehenden Fabriken wechseln. Dennoch blieb die über Jahrhunderte erworbene handwerkliche Tradition und das Verständnis für Qualität ein wertvolles Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Die Geschichte der Webertradition in Burtscheid und Aachen ist somit nicht nur ein Kapitel der Wirtschaftsgeschichte, sondern ein wesentlicher Teil der Identität unserer Familien und der Region. Sie erinnert uns daran, dass unsere Vorfahren aktive Gestalter einer internationalen Wirtschaftstradition waren, die weit über die Grenzen der Heimat hinausreichte.
Meine Eltern haben sich noch in der Tuchfabrik Rummeny in Haaren kennengelernt.
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